Still geborene Kinder und ihre verwaisten Eltern

9 Nov

Radiobeitrag still geborene Kinder und ihre verwaisten Eltern

Viele bunte Windräder drehen sich, Spielzeugautos stehen bereit, kleine Plüschtiere warten darauf, dass sie in den Arm genommen werden. Aber kein Kinderlachen übertönt das Rascheln des Laubes. Denn dies ein Ort für still geborene Kinder, eine Grabstätte für Kinder, die schon im Mutterleib gestorben sind.  Auch Bosse hat ein kleines Grab. Schon zweieinhalb Jahre lang. Er ist der still geborene Sohn von Franka Weber.

Also ich habe ein Kind jetzt bekommen – das ist ein knappes Jahr alt – und habe aber ein Kind, das totgeboren ist  vor zweieinhalb Jahren.

Franka Weber war schon in der 38. Schwangerschaftswoche. Das Kinderzimmer war eingerichtet. Aber dann: Sie spürte keine Kindsbewegungen mehr.

Dann steht da ein Oberarzt, der sagt „Sie wollen jetzt sicher alleine sein“ und geht aus dem Raum und ich stelle fest „Nein, ich gerade jetzt nicht alleine sein“. Ich hatte aber ganz tolle Hebamme, die mir dann erzählt haben, wie es weitergeht, dass die Geburt eingeleitet werden muss, dass ich das Kind normal zur Welt bringen muss.   

Das klingt brutal. War aber nicht nur aus medizinischen Gründen eine gute Entscheidung.

Ich sag immer, das verstehen viele nicht, aber das war ein ganz furchtbares Erlebnis, es war aber auch ein sehr schönes Erlebnis, denn ich habe ein Kind zur Welt gebracht. Die Klinik war ganz toll, die Hebammen waren toll. Ich konnte das Kind so lange haben, wie ich wollte, ich hatte eben eine ganze Nacht und einen Tag Zeit, mich zu verabschieden und habe das Kind auch bei mir gehabt.

Die Großeltern standen ihr bei, die beste Freundin war bei ihr. Sie war nicht allein. Aber nicht alle reagierten so positiv.

So: Jetzt kann es ja weitergehen, denn das Kind hat ja nicht gelebt.

Solche Reaktionen sind nicht selten. Rita Becker weiß das aus vielen Gesprächen mit trauernden verwaisten Eltern still geborener Kinder. Sie ist katholische Gemeindereferentin in einer Kieler Gemeinde. Bei der Trauerfeier am Grab für still geborene Kinder merkte sie, dass die verwaisten Eltern Hilfe brauchen. Seitdem bietet sie in den Räumen der katholischen Gemeinde ein Treffen für solche Eltern an.

Es kommen am Anfang die Eltern und dann nach zwei, drei Treffen bleiben die Frauen. Die Männer gehen in ihrer Trauer andere Wege und müssen auch in der Regel viel schneller wieder.

Die monatlichen Treffen haben einen festen Ablauf.

Die Eltern werden als erstes begrüßt und dann begrüßen sie ihre Kinder, das ist ein Ritual, bei dem wir eine Kerze anzünden, so dass die Kinder ganz willkommen geheißen werden, egal, ob sie einen Namen haben oder nicht.  Gott kennt jedes Kind mit seinem Namen. Und dann gibt es so eine Runde „Was ist in den letzten vier Wochen passiert?“. Und dann gibt es am Ende eine Abschlussrunde: Wie gehe ich von hier weg? Und dann gibt es zum Abschluss ein Gedicht, dass sie vier Wochen begleiten soll.

Das Ritual ist wichtig. Die kompetente Leitung ist wichtig. Am wichtigsten aber ist es wohl einfach, andere zu treffen, denen es ähnlich geht, sagt Franka Weber.

Das hat mir wahnsinnig geholfen zu  sehen: Die überleben. Das geht. Es geht weiter. Und ich weiß noch, dass ich beim ersten Termin so erstaunt war, dass die gelacht haben. Also es tut genau so weh wie vor zweieinhalb Jahren, aber man lernt, dass das jetzt dazu gehört, das gehört jetzt zu meinem Leben dazu dieser Schmerz.

Grabstätte für still geborene Kinder

Grabstätte für still geborene Kinder

Auch ganz konkrete Dinge werden ausgetauscht. Wie gestalten andere das Grab? Wie feiern sie Weihnachten? Wie mit dem errechneten Geburtstermin umgehen? Rita Becker ist katholische Seelsorgerin. Die Treffen finden in kirchlichen Räumen statt. Und sonst? Spielt der Glaube auch eine Rolle?

Indem ich es auch manchmal nur noch mal reinbringe, was wir denn über unseren Glauben denken, über Gott, das ist schon die Öffnung. Das Zweifeln und Hadern mit Gott ist selbstverständlich – Warum passiert mir das gerade – dass das ausgesprochen werden darf, meine Wut über Gott, meine Wut auch über das Kind! Warum bist du gegangen? Dass all das sein darf, finde ich ganz wichtig.

Gerade heute und morgen, an Allerheiligen und Allerseelen,  gehen viele Katholiken auf die Friedhöfe, zünden eine Kerze  an, ein ewiges Licht als Zeichen für das ewige Leben. Hilft dieser Glaube auch Eltern, die still geborene Kinder zu Grabe getragen haben?

Ich glaube daran, dass es uns Kraft gibt, dass Leben dann auch zu meistern und das in unsere Lebensbiografie auch zu integrieren.

Auch Franka Weber glaubt an ein Wiedersehen – und daran, dass Bosse niemals ganz weg sein wird.

Bosse ist mein kleiner Engel. Und sicherlich hilft das, so eine Idee zu haben, da gibt es jetzt etwas, wo er jetzt ist, lass es Himmel nennen oder auch nicht, wo er jetzt ist und wo es irgendjemand oder irgendetwas gibt, das auf ihn aufpasst. Es ist in der Tat so, dass ich seit Bosses Tod keine Angst mehr vor dem Sterben habe, weil ich die Idee habe, wir sehen uns dann wieder.

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Eine Antwort to “Still geborene Kinder und ihre verwaisten Eltern”

  1. Mirek 27. November 2012 um 11:30 #

    Hallo Fox,herzlichen Dank ffcr Deinen ausffchrlichen Kommentar. Ja es ist kaum zu glauben, dass viele Menschen die Schf6nheit der Natur zum einen nicht zu sche4tzen wiessn und es zum anderen fertig kriegen, u. a. Tierarten auszurotten, die auf unserem Planeten seit Millionen von Jahren angesiedelt sind. So sind beispielsweise viele Haiarten akut vom Aussterben bedroht. Haie ze4hlen zu den Urfischen, weil sie sich seit fcber 400 Millionen Jahren kaum vere4ndert haben. Das was Du fcber den Mfcll in der Landschaft schreibst, ist ein trauriges Beispiel unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Der Respekt vor dem Leben und der Natur geht immer mehr dahin. Das tut Umweltfreunden in der Seele weh.Hallo Rene9,auch an Dich vielen Dank ffcr Deinen Kommentar. Das mit den Mfcllsammelaktionen ist schon eine prima Sache von den Umweltverbe4nden. Nur leider finden diese meistens nur einmal im Jahr statt und danach wirft wieder jeder seinen Mfcll in die Gegend. Es mfcsste ein Umdenkungsprozess stattfinden und die Menschen bre4uchten wieder einen intensiven Bezug zur Natur und Umwelt. Eigentlich mf6chte es doch jeder gerne schf6n haben, doch beim Anblick der Stradfengre4ben, kann einem fcbel werden, bei so viel Abfall. Auch im Wald ist immer he4ufiger Mfcll anzufinden. Das ist schon mehr als traurig. Neulich habe ich einen sehr interessanten Beitrag fcber den Plastikmfcll im Meer gefunden. Den Link dazu mf6chte ich gerne hier einstellen, weil er auch zum d6kosystem Ozean passt: Durch bedachten Konsum, wie z. B. durch Erne4hrung mit regionalen und f6kologisch erzeugten Produkten, liedfe sich der Klimawandel auch ein wenig aufhalten bzw. das schnelle Voranschreiten ein wenig abbremsen. Denn alleine die Transportkosten und die Vergeudung an Ressourcen bei ganzje4hrig produzierten und in unseren Superme4rkten angebotenen Erdbeeren etc., sind immens. Aber bei vielen Verbrauchern ze4hlt leider der Preis, das breitgefe4cherte Warenangebot und auf die Herkunft der Produkte wird nicht geachtet. Die Schf6nheit der Natur gilt es zu schfctzen, doch leider haben Wirtschaftsinteressen weiterhin Vorrang vor Umweltaspekten.Viele Grfcdfe,Maria

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