Dem Leid nicht ausweichen – 5 Texte zur Karwoche

15 Mrz

Schwestern in Homs/Syrien

Ich wurde mal wieder von meinem Sohn geweckt, habe mich leider schon mit ihm gestritten, den Sportteil in der Zeitung überflogen. Dann Frühstück, anziehen, fertig machen, ab zur Arbeit und so weiter, bis heute Abend das Licht ausgeht. Wahrscheinlich werde ich heute wieder ganz normalen banalen Alltag erleben. Und manchmal denke ich dann: Was für ein glückliches Leben ich doch habe.

Das katholische Hilfswerk Missio macht auf einen Brief von Schwester Georgina Habbache aufmerksam, einer Schwester vom Guten Hirten. Ihr Alltag besteht jetzt aus Bomben, Scharfschützen, Tod und Folter. Denn sie ist in Homs, der syrischen Stadt, die seit Wochen von der Armee abgeschnitten und beschossen wird. Schwester Georgina schreibt:

Uns wird immer wieder die Frage gestellt: Warum seid ihr eigentlich noch in Homs? Warum haltet ihr euer Haus weiter geöffnet?

Lassen Sie mich Ihnen einige Gründe nennen und Sie auch weiterhin um Ihre Unterstützung und Ihr Gebet bitten. Unser Haus bleibt geöffnet, um Studentinnen und anderen Frauen, die von Überfällen, Vergewaltigung und Geiselnahme durch bewaffnete Banden bedroht sind, Schutz zu bieten. Manche Mädchen wurden uns von ihren Familien anvertraut, um dem Schlimmsten zu entkommen. Sie sind bei uns untergebracht, um ihr Leben zu schützen.

Die Menschen kommen, um zu beten und um uns um moralische Unterstützung zu bitten. Unsere Anwesenheit in Homs gibt ihnen Sicherheit und hält sie davon ab, ihre Häuser aufzugeben und zu fliehen. Die Situation ist jetzt sehr kritisch, aber wir denken schon an die Zeit nach dem Krieg: Wie können wir den Familien helfen, ihr normales Leben wieder aufzunehmen nach all den Schrecken des Krieges? Wie sollen sie wieder zusammenleben nach so viel Zerrissenheit und Gewalt? Wie einen Plan für die Unterstützung der Kinder aus den Kampfgebieten entwickeln, die Zeugen von solcher Aggressivität und Grausamkeit wurden, die mit ansehen mussten, wie Familienangehörige getötet wurden?

Unsere Gemeinschaften in Syrien sind Orte der Begegnung, des Austauschs und des Teilens für alle Gruppierungen der syrischen Gesellschaft. Wir arbeiten an Strategien, um Ausgeschlossene zu erreichen, Menschen, die allen möglichen Formen der Gewalt ausgesetzt sind.

Ist es nicht so, dass der Liebe nichts unmöglich ist?

Ordensschwestern wirken meist sehr zart und zerbrechlich in ihren Ordenstrachten, aber sie gehören oft zu den mutigsten Menschen, die ich kenne. Zum Beispiel diese Schwestern vom Guten Hirten in Syrien. Sie bleiben, in Homs und auch in Damaskus, wo sie immer mehr Frauen und Kinder in die Anlaufstelle aufnehmen. Sie helfen, selbstverständlich allen Menschen ungeachtet ihrer Herkunft oder religiösen Zugehörigkeit.

Und was für ein Glaube! Bitten diese Schwestern um Geld, um den Beistand der Politik? Sicher hilft es ihnen, wenn man spendet, aber sie bitten um unsere Solidarität, um unser Gebet. Wenn ich vom Fürbittgebet erzähle, auch für die Menschen in Krisenregionen, dann ernte ich bestenfalls höfliches, leicht peinlich berührtes Schweigen. Aber entscheidend bleibt für mich doch, was Schwester Georgina denkt. Wenigstens das kann ich tun, für sie beten, in einer Kirche eine Kerze anzünden vielleicht. Ein kleines Zeichen, dass Schwester Georgina in Homs viel bedeutet.

Dem Leid nicht ausweichen – Christen gehen den Kreuzweg

Vor Ostern gehen viele Christen in Deutschland den Kreuzweg Jesu. Normalerweise 14 Stationen von der Verurteilung zum Tode bis zur Grablegung. Dieser Kreuzweg wird oft in den Kirchen gegangen. Eine Andacht zur persönlichen Besinnung. Manche Gemeinden gehen auch raus in ihren Stadtteil, auf die Straße und schließen ihr konkretes Lebensumfeld ins Gebet ein. Sie beten zum Beispiel vor Agenturen für Arbeit für Arbeitslose und vor Krankenhäusern für Kranke und Sterbende. Dann wird der Kreuzweg auch zum Bekenntnis.

Der wohl älteste Kreuzweg Deutschlands wird in Lübeck gegangen. 1468 reiste der Lübecker Kaufmann und Ratsherr Hinrich Constin nach Jerusalem und vermaß den Kreuzweg der Via Dolorosa. Zurück in Lübeck ließ er diesen Weg genau 1650 Meter lang mit sieben Stationen nachbauen. Davon stehen heute noch die erste und die letzte Station, der Jerusalemsberg, den Hinrich Constin extra aufschütten ließ. Hinrich Constin erlebte die Vollendung nicht mehr und nach der Reformation geriet er in Vergessenheit.

In den 1990er Jahren entdeckte der damalige katholische Probst Helmut Siepenkort den Kreuzweg neu. Inzwischen wird er jedes Jahr an Karfreitag von hunderten Christen gegangen. Eine Station ist jetzt immer das Burgkloster, in dem die Lübecker Märtyrer gefangen gehalten wurden. Drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor, die am 10. November 1943 hingerichtet wurden, weil sie öffentlich gegen die nationalsozialistische Ideologie Stellung bezogen hatten. Sie haben zum Beispiel Predigten gegen die Euthanasie verteilt. Die Lübecker Märtyrer haben ihren Glauben bekannt.

Wie kann da heute ein Kreuzweg Bekenntnis sein? Ist das nicht leicht bis billig? Heute wird in Deutschland niemand eingesperrt, weil er sich zu christlichen Werten bekennt. Aber vermutlich würden die Lübecker Märtyrer sagen: Umso mehr könnt ihr euch für christliche Werte einsetzen. Denn auch heute ist der christliche Glaube widerständig.
Er ist widerständig, wenn der Sonntag immer mehr zum Werktag gemacht wird, zum Tag von Kaufen und Verkaufen, bis alles käuflich ist. Er ist widerständig, wenn das menschliche Leben an seinem Anfang bedroht wird und wenn alte Menschen als Last in unserer Gesellschaft angesehen werden.
Wahrscheinlich würden die Lübecker Märtyrer darauf hinweisen, dass auch heute Menschen um ihres Glaubens Willen ermordet werden. Von hundert Menschen, die heute weltweit wegen ihres Glaubens ermordet werden, sind fünfundsiebzig Christen. Dazu darf man nicht schweigen. Christenverfolgung gab es nicht nur 1942. Christenverfolgung gibt es heute, wenn auch nicht staatlich organisiert..
Das Menschenrecht der Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber es ist auch heute in weiten Teilen der Welt bedroht, nicht nur für Christen.

Der Kreuzweg Jesu war schmerzhaft und tödlich. Der Kreuzweg der Lübecker Märtyrer war schmerzhaft und tödlich. Ein Kreuzweg heute in Deutschland ist weder schmerzhaft noch tödlich. Umso mehr kann man doch über den Tellerrand schauen und an die denken, die heute noch ihr Leben riskieren für ihr Bekenntnis zu Jesus Christus.

Dem Leid nicht ausweichen – Behindertes und krankes Leben annehmen

Ist das irre oder nur konsequent? Zwei australische Forscher plädieren für die Tötung von Neugeborenen, wenn diese schwere körperliche oder geistige Schäden haben. Sie haben sich das lange überlegt und im „Journal of medical ethics“ einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht. Ihre Argumentation: Der moralische Status eines Babys sei dem eines Fötus gleichzusetzen. Deswegen müsse in den Fällen, in denen eine Abtreibung erlaubt sei, auch die Tötung des Neugeborenen erlaubt sein, und zwar auch, weil nicht alle Schädigungen schon rechtzeitig im Mutterleib entdeckt werden könnten. „After birth abortion“ – nachgeburtliche Abtreibung nennen sie die Tötung Neugeborener.

Die beiden Forscher haben Recht. Der moralische Status eines Babys ist dem eines Fötus gleichzusetzen. Nur: Was für einen moralischen Status das ist, darüber gibt es einen großen Dissens. Die christlich-katholische Haltung ist klar. Dem Menschen kommt von Beginn an, also von der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an die volle Menschenwürde zu. Damit steht die Kirche auch nicht allein. Dass dem Menschen alleine durch seine Existenz die volle Menschenwürde zukommt, wird nicht immer mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen begründet, wie es die Kirchen tun. Andere begründen dies mit der Gattungszugehörigkeit oder der Vernunftbegabung. Dem stimmen nicht alle zu. Der Bonner Staats- und Völkerrechtler Matthias Herdegen spricht zum Beispiel von der „prozesshaften Betrachtung des Würdeschutzes mit entwicklungsabhängiger Intensität eines bestehenden Achtungs- und Schutzanspruches“. Der Embryo hat da eben nicht den gleichen Schutz verdient wie ein ausgewachsener Mensch.

So zu denken ist erlaubt. Und hat schon lange Konsequenzen insbesondere in der Biomedizin. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das, was die australischen Forscher sagen, ein Tabubruch oder nur eine weitere Grenzverschiebung ist. Unsere Gesellschaft besitzt kein einheitliches Welt- und Menschenbild mehr, sondern eine Pluralität von Weltanschauungen.

Was tun? Denkverbote gibt es nicht und soll es nicht geben. Es nützt auch nichts und schadet nur, wenn große verbale Keulen geschwungen werden. Immer dann zum Beispiel, wenn Bischöfe Vergleiche zwischen Abtreibungen und der Nazizeit zogen, wurde nur noch über diese Vergleiche diskutiert und nicht mehr über den Schutz ungeborenen Lebens. Die australischen Forscher haben Morddrohungen erhalten. Das ist schlecht und böse. Was dann?

Erstens im Pluralismus der Weltanschauungen für die eigene Weltanschauung werben. Die muss gut begründet werden, auf wissenschaftlichem Gebiet durch die Moraltheologen zum Beispiel, die auch Theologen ausbilden, die dann auch über das christliche Menschenbild predigen können. Es ist auch erlaubt und gut, sich für gesetzliche Regelungen einzusetzen, die dem Schutz des Lebens dienen.

Aber am wichtigsten ist wohl das gute Beispiel. „Bei euch soll es anders sein“ sagte Jesus zu seinen Jüngern, als es ums Herrschen und Dienen ging. Bei den ersten Christen war dieses Anders-Sein so überzeugend, dass die anderen Menschen anfingen nachzufragen. Bei euch soll es anders sein heißt hier: Christen legen Zeugnis ab für den Wert des menschlichen Lebens von Anfang an und unabhängig von seinen Fähigkeiten, unabhängig auch von Gesundheit oder Krankheit. Sie tun das, in dem sie Kinder zur Welt kommen lassen, auch wenn sie befürchten, dass diese krank sind, auch wenn das Geld knapp ist. Sie tun das, in dem sie einander beistehen, besonders auch Müttern und Eltern, die kranke Kinder erwarten, die ein Kind erwarten, das kein Wunschkind ist und sie zu überfordern droht. Sie tun das, in dem sie im Alltag bezeugen, dass kranke, behinderte Menschen die gleiche Würde haben wie gesunde, starke Menschen, in dem sie in die Gemeinden integriert und liebevoll betreut werden. Nur dann kann die eigene Überzeugung auch andere überzeugen.

Dem Leid nicht ausweichen – Wer sich klein macht, wird groß

Lebe so, als wäre es dein letzter Tag – das ist einerseits schon fast abgedroschen. Andererseits lohnt es sich doch immer wieder, genau hinzuschauen, was denn Menschen wollen, wenn sie wissen, dass sie bald sterben werden.

Am letzten Abend, an dem er mit seinen Jüngern zusammen war, hat Jesus Mahl gehalten, hat mit ihnen gegessen und getrunken, er hat ihnen die Füße gewaschen und gesagt, dass er ihnen ein neues Gebot gebe: Liebt einander. Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Und dann hat Jesus gebetet.

Gemeinschaft mit den Liebsten, Liebe und das Gebet, Spiritualität. Darauf kam es ihm an. Und das ist gar nicht weit weg von dem, was vielen Menschen wichtig ist, wenn sie wissen, dass sie bald sterben müssen.

Untersuchungen legen nahe, dass es für die Lebensqualität ganz am Ende weniger auf die Physis ankommt, also: je gesünder, desto höhere Lebensqualität. Die Wertvorstellungen machen offensichtlich einen Schritt in Richtung Altruismus, Natur und Spiritualität, wobei mit Spiritualität hier nicht gleich Kirchenzugehörigkeit gemeint ist, sondern die Suche nach Lebenssinn.

Jesus sagt seinen Jüngern an diesem Abend: Liebe ist der Sinn. Das könnte auch der Titel eines Schmusesongs sein, hat hier aber nichts Süßliches. Und das liegt an dem Zeichen der Fußwaschung. Das war damals niedrigster Hausdienst. Wieder einmal dreht Jesus die Verhältnisse um, wie so oft in seinem Auftreten:

  • als die Erwachsenen schweigen sollten und er das Kind in die Mitte stellte
  • als er lieber bei dem Zöllner einkehrte als bei den Gescheiten, den Gerechten
  • als er sagte, dass der Erste der Letzte sein wird und umgekehrt

Das sind ja Szenen, die auch durch die Ikonographie, durch schöne Bilder, die auch schlicht durch Gewöhnung ihre Schärfe verloren haben. Aber Liebe, auch Nächstenliebe hat Konsequenzen, sonst bleibt sie ein hohles Versprechen. Haben die Jünger das damals verstanden? Nein. Sonst hätte Petrus nicht zuerst die Fußwaschung durch Jesus verweigert und dann nach mehr geschrien. Sonst hätten die Jünger nicht geschlafen, als Jesus betete. Selbst, als er sie noch einmal bittet, mit ihm zu wachen, schlafen sie wieder ein. Nein, die Jünger haben nicht verstanden. Und heute?

  • Die Kollegin, die ihren krebskranken Mann pflegt, deswegen frühzeitig in Rente geht und auf viel Geld verzichtet, hat verstanden
  • Die Schwestern in Homs in Syrien, die nicht fliehen, sondern weiter helfen, haben verstanden
  • Die Menschen im Don Bosco Haus in Mölln, die schwerst mehrfach Behinderte pflegen, haben verstanden

Liebt einander, wie ich euch geliebt habe. Das ist ein Imperativ und könnte deshalb auch eine Drohung sein. Denn die Frage ist ja: Und wenn nicht? Wenn man nicht liebt, wie Jesus geliebt hat? Die Jünger scheitern ja schon ein Stündchen später bei der Nachtwache. Aber wie ich euch geliebt habe heißt eben hier: Gottes Sohn macht sich klein, lässt sich erniedrigen – aus Liebe. Seine Liebe ist auch immer größer als das Versagen der Menschen. Eine Liebe, aus der ich nicht herausfallen kann. Selbst, wenn ich es nicht schaffe, wach zu bleiben, wenn ich gebraucht werde. Selbst, wenn ich es nicht schaffe, solidarisch zu bleiben, wenn jemand leidet und angefeindet wird wie Jesus am Kreuz, selbst wenn ich denke „alles umsonst“ wie die Jünger, nachdem Jesus gestorben war. Selbst dann bleibe ich in Jesu, in Gottes bedingungsloser

Dem Leid nicht ausweichen – Totenstille aushalten

Heute ist der Tag der stillen Trauer. Nach all der Dramatik gestern, der Folter und Kreuzigung. Nachdem Nikodemus die Erlaubnis erhielt, Jesus zu bestatten, nachdem der Vorhang des Tempels zerrissen und der Himmel sich verdunkelt hat. Und noch vor der Freude, die die Auferstehung, die Ostern auslöst. Noch vor der Hoffnung, die auch ich damit verbinde. Der Karsamstag gehört der Stille. Stille mitten in einer lauten Welt.

Diejenigen, die um Jesus trauern, erlebten das, was alle Trauernden verstört: Das ganz normale Leben geht weiter. Für die meisten Menschen in Jerusalem war die Kreuzigung des Mannes aus Nazareth nicht das Ereignis ihres Lebens. Sie gingen wieder ihren Geschäften nach, nicht so die Jünger, nicht so Maria, die Mutter Jesu. Ich weiß noch, wie merkwürdig, wie unwirklich ich es in der Stadt fand, nachdem mein Vater gestorben war. Meine kleine Welt war zerbrochen, aber die Welt um mich herum kümmerte sich um Sonderangebote im Supermarkt, als wäre nichts geschehen. Zu Hause waren die Trauergäste wieder abgereist. Die Beerdigung vorbei. Die Familie war allein. Es war still. Es war jetzt auch Zeit dafür, still zu werden.

Die Jünger haben sich in einem Haus verkrochen, wenn sie nicht die Stadt verlassen haben wie die beiden, denen Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnen wird. Was für ein Kontrast: Noch vor zwei Tagen hatten sie erwartet, dass sie dem Messias folgen, dass sie bei etwas ganz Großem dabei sind. Dann die Katastrophe und jetzt wohl nur Leere. Und draußen tobt das Leben.

Die Welt darf das. Trauer ist eine Reaktion auf Verlust, und die meisten haben ja nichts verloren. Die Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen hat eine große Bandbreite. Von brüllendem Schmerz und Wut bis zu Angst und Leere. Der Tod löst intensive, oft diffuse Gefühle aus, die kaum zu ertragen sind. Trauern ist auch eine Fähigkeit, die jeder in sich trägt. Ich lese auf der Homepage einer Trauerbegleiterin: Nur wer sich dem Verlust stellt, wird ihn irgendwann einmal in sein Leben integrieren und vielleicht neue Perspektiven finden. Aber so weit waren die Jünger nicht so kurz nach der Kreuzigung. So weit ist niemand kurz nach dem Tod, nach der Beerdigung.

Eine Frau erzählte mir von ihrem Schicksal. Ihr Kind ist kurz vor dem errechneten Geburtstermin im Mutterleib gestorben. Während sie noch voller Trauer war, fühlten sich manche schon gestört durch ihre Trauer. Das Leben muss doch auch mal weiter gehen. Du kannst doch nicht in der Trauer versinken. Sie ging nach einiger Zeit in eine Trauergruppe für sogenannte verwaiste Eltern. Und erzählt heute, dass ihr das wahnsinnig geholfen hat zu sehen: Die anderen überleben. Das geht. Es geht weiter. Aber sie weiß auch noch, dass sie beim ersten Termin erstaunt war, dass die anderen lachen konnten.

Trauernde verstehen erst mit der Zeit, dass beides geht. Dass wieder lachen können nichts damit zu tun hat, dass der Schmerz nicht für immer zum Leben gehören wird.

Heute ist ein guter Tag, um an die zu denken, die trauern. Anzurufen oder mal vorbei zu gehen. Um zu zeigen: Ich denke an dich. Ich weiß, dass du traurig bist und du darfst wissen, dass ich für dich da bin. Heute ist ein guter Tag, um an die Menschen zu denken, die man selber betrauert, vielleicht schon sehr lange betrauert. Fotos schauen, Wege gehen, die man früher gemeinsam gegangen ist, Dinge in die Hand nehmen, die erinnern und bedeuten. Ein guter Tag für einen Besuch auf dem Friedhof. Ein guter Tag für Tränen.

Auch in der Kirche herrscht heute Stille. Die beeindruckende Karfreitagsliturgie mit Chorgesang, mit den großen Fürbitten und großen Gesten wie der Kreuzverehrung – das war gestern. Der Jubel, die Freude, das Licht von Ostern – das wird morgen sein. Heute ist für die Kirche der stillste Tag des Jahres. Und nur wer heute die Stille aushält, wird morgen die Hoffnung besingen und feiern können – ganz laut.

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