Marienmonat Mai: Weihbischof Jaschke, Hans-Jürgen Hufeisen und Claudia Schophuis zur (Gottes-)Mutter

30 Apr

Maria – RadiobeitragWer Marienfrömmigkeit nur mit dem Verstand begreifen will, hat schon verloren. Zu Maria wurde und wird sehr emotional gebetet. Und das tun Wallfahrer genau so wie Musiker. Aber sicher hat auch die Vernunft einiges zur Gottesmutter zu sagen. Das gilt für einen Bischof wie für eine Frauenreferentin.

Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade. Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesu.“

Man kann nicht über Marienfrömmigkeit reden, ohne vom Rosenkranz zu sprechen. Gerade jetzt, im Marienmonat Mai. Das Gebet beginnt mit dem Gruß der schwangeren Elisabeth an die ebenfalls schwangere Maria und verknüpft den Gruß mit Stationen aus dem Leben Jesu von der Empfängnis bis zur Auferstehung. Das Gebet endet mit der Bitte um das Gebet Mariens jetzt und in der Stunde unseres Todes. Der Rosenkranz wird jederzeit irgendwo auf der Erde gebetet und wird so zum immerwährenden Gebet. Und da denkt man doch, jeder Bischof betet begeistert diesen Rosenkranz? Der Hamburger Weihbischof Hans Jochen Jaschke:

Jaschke: Ehrlich gesagt: Nicht so gerne. Ich habe den Rosenkranz als Kind in Erinnerung, da musste ich ihn beten. Und für ein Kind, geht er nie zu Ende, der Rosenkranz.

So ging es Generationen von Kindern. Als Erwachsener betet der Weihbischof den Rosenkranz wieder und schätzt gerade, dass er bis auf die Bitte um das Gebet Mariens ein rein biblisches Gebet ist. Es ist nicht viel, was die Bibel über Maria erzählt, aber etwas Entscheidendes:

Jaschke: Gott will nicht allein sein, Gott nimmt Menschen in seinen Dienst. Er wird Mensch unter Menschen. Gott will nicht für sich allein bleiben.

Und Maria? Sie zeigt, wie die Antwort des Menschen darauf sein kann und soll.

Jaschke: Die ursprüngliche Kraft der marianischen Frömmigkeit zeigt sich darin: Ein Mensch ist frei für Gott, er lässt sich ein auf ein Wagnis, er ist jung, er setzt nicht auf äußere Macht, sondern auf die Macht des Wortes Gottes, das ihn trägt.

Weihbischof Jaschke ist keiner, der persönlich besonders die sehr gefühligen Seiten der Marienfrömmigkeit schätzt. Aber genau so, wie er akzeptiert, wenn jemand Distanz zu Maria wahrt…

Jaschke: …wenn jemand sagt, ich habe zu Maria nicht diesen Zugang gefunden, dann werde ich das auch respektieren…

…genau so nimmt der Weihbischof diejenigen in Schutz, die einen sehr emotionalen Zugang zu Maria haben.

Jaschke: Soll man denn einen Gläubigen schelten, wenn er in Maria die Schönheit des Glaubens entdeckt in der jungen schönen Frau sieht, wie Gottes Gnade einen Menschen schön macht? In der Schmerzensmutter sieht, wie Gott einen Menschen stärkt im schwersten Leid, das er auszuhalten hat? Oder er Maria im Strahlenkranz sieht, wie der Mensch erhöht ist? Soll man da die Christenheit tadeln? Das sind so wunderschöne Bilder, die den Glauben ohne große Worte, sondern einfach im Bild zum Ausdruck bringen. 

Die gefühlvollen Seiten der Marienfrömmigkeit zeigen sich besonders im Brauchtum. Bei der Kerzenweihe an Maria Lichtmess im Februar, der Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt im August oder bei den zahllosen Marienwallfahrten nicht nur zu den berühmtesten Wallfahrtsorten wie Lourdes. Ein kleines Beispiel: Büchen südöstlich von Hamburg. Hier wurde im Jahr 2007 eine Marienwallfahrt wiederbelebt, die seit der Reformation nicht mehr gegangen wurde. „Maria breit den Mantel aus“ und „Du wundervoll Prächtige“ wird hier genau so laut und von Herzen kommend gesungen wie anderswo auch. Marienfrömmigkeit bleibt auch im dritten Jahrtausend emotional. Nicht nur, aber besonders bei Frauen.

  • Also ich kann nur für mich sprechen. Ich denke, sie hat mehr Verständnis für mich, weil sie auch eine Frau ist.
  • Wurde schon von ein paar Jugendlichen, die gerade mit dem Fahrrad vorbei gefahren sind, angesprochen, die gefragt haben „Was macht ihr denn da? Und das ist doch mal eine spannende Sache.
  • Das ist wunderbar. Wir bitten die Jungfrau Maria ja sehr häufig, weil die Mutter Gottes Christus geboren hat und das ist eine Frau aus dem Volk, eine Frau von uns, deswegen vertrauen wir Frauen auf ihre Fürsprache bei Gott und dass sie uns hilft.
  • Maria ist ja die Mutter der Christenheit und für uns Christen, besonders für uns katholische Christen ist sei eben die Mutter.

Der Musiker Hans-Jürgen Hufeisen hat einen sehr persönlichen Zugang zu Maria. Die wenigen Erzählungen der Bibel erinnern ihn an sein eigenes Schicksal, zum Beispiel die Geschichte vom 12jährigen Jesus, den seine Mutter beim Paschafest  in Jerusalem verliert, sucht, und dann im Tempel wiederfindet.

Hufeisen: Ich bin in einem Kinderdorf groß geworden. Ich hatte keine Mutter in meinem Leben, die nach mir suchte. Die gab mich gleich nach der Geburt ab. Ich hätte mir das gewünscht, immer wenn ich diese Geschichte auch in der Kinderkirche gehört hatte, dass eine Frau wie die Maria dann kommt, sucht: „Hans-Jürgen, wo bist du?“ Und: „Hans-Jürgen, was hast du mir angetan?“ Ich hatte keine Mutter.

Maria als Sinnbild der Sehnsucht des Waisenkindes nach der Mutter. Es gibt noch eine zweite Szene in der Bibel, die diese Sehnsucht Hans-Jürgen Hufeisens zum Ausdruck bringt: Die Szene unter dem Kreuz, wie sie das Johannesevangelium erzählt. Dort heißt es: „Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

Hufeisen: Das hätte ich mir auch gewünscht, dass mir jemand gesagt hätte: „Du, das, Hans-Jürgen, das wird jetzt deine Mutter sein. Für mich ist Jesus an dieser Stelle der Fürsprecher für, ja sagen wir mal für verwaiste Kinder. 

Und diese Szene blieb für Hans-Jürgen Hufeisen auch nach der Begegnung mit seiner leiblichen Mutter bedeutsam.

Hufeisen: Nun sollte ich mit 25 Jahren meine Mutter zum ersten Mal sehen. Ich habe alle Fragen gestellt, die man nur fragen kann: Wie wurde ich geboren? Doch meine größte Enttäuschung war: es wurde mir nicht gesagt. Und dann sollte es sein, dass ich meine Mutter zu Grabe tragen soll. Und diese Situation erinnerte mich an jene Situation am Kreuz, wo Jesus sagte: Das ist dein Sohn. Ich steh plötzlich selbst an diesem Grab wie unter einem Kreuz und nun habe ich mir vorgestellt: Du göttliche Kraft, sag doch mal meiner Mutter, sie ist meine Mutter. Sag mir, das ist deine Mutter.

Nach dieser Szene unter dem Kreuz sagt Jesus noch „Mich dürstet“ und dann „Es ist vollbracht“. Er stirbt. „Siehe deine Mutter“ ist also die nahezu letzte Aktion von Jesus. Hans-Jürgen Hufeisen sagt, dass für ihn darin schon etwas Österliches liegt. Eine österliche liebende Verpflichtung.

Hufeisen: Geht lieb miteinander um, behütet euch, achtet euch. Dann kann das Leben wieder blühen, dann kann das Leben wieder nach vorne gehen und sagen: Hier ist wirklich fast Paradies.

Seine besondere Beziehung zu Maria hat Hans-Jürgen Hufeisen natürlich auch in seiner Musik zum Ausdruck gebracht. Am eindrücklichsten auf der CD „Marienkonzert. Mit dem Herzen hören.“ Er bearbeitet darauf bekannte und unbekannte Marienlieder für seine Blockflöte.

Das Marienbild der Kirche war sehr lange Zeit männlich geprägt. Maria als die gehorsame, demütige, liebende und zurückhaltende Frau. Maria wurde lange so beschrieben, wie die Kirchenoberen die Frauen gerne gehabt hätten.

Schophuis: Ich würde sagen: Ja.

Sagt Claudia Schophuis, die Leiterin des Referates Frauen und Männer im Erzbistum Hamburg. Auch Feministinnen kamen gar nicht umhin, sich mit Maria zu befassen. Sie kritisierten das herrschende Marienbild. Und stellten sie zunächst auf einen noch höheren Sockel als den der Himmelskönigin. Als Erste Mary Daly in ihrem Buch „Jenseits von Gott Vater, Sohn und Co.“.

Schophuis: Und in diesem Bereich wurde ganz klar gesagt, Maria als neue Göttin zu sehen. Das war so die erste Phase, aber ich denke mir, es war durchaus sinnvoll, das einmal so zu machen, damit man auch neu ansetzen kann, also einmal aufräumen, einmal Tabula Rasa zu machen und dann einen neuen Ansatz zu wählen.

Aber als Göttin rückte Maria nicht näher an die heutigen Frauen ran, sondern entfernte sich noch mehr von ihnen.

Schophuis: Es gibt ja ein berühmtes Gedicht von Kurt Marti: Maria blickte von den Sockeln herab, auf die man sie gestellt hatte. In den achtziger Jahren ist das geschrieben worden. Dadurch, dass man sie von diesen Sockeln herunter geholt hatte, war es erst wieder möglich einen normalen Zugang als Schwester im Glauben zu finden bei Maria.

Maria als Schwester im Glauben. Eine Schwester, die nicht nur demütig, sondern auch kämpferisch war, wie ihr Ruf „Gott stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ zeigt. Der Blick auf Maria als Schwester aller Frauen wurde auch möglich, weil wichtige Begriffe der Marienfrömmigkeit geweitet wurden.

Schophuis: Jungfräulichkeit ist eine Haltung und hat nicht immer unbedingt etwas mit Enthaltsamkeit zu tun, sondern es geht darum, in meinem eigenen Selbst, in meinem eigenen Ich meine eigenen Quellen zu finden und davon aus los zu gehen. Man umschreibt Begriffe neu. Das Gleiche ist mit dem Begriff Mutterschaft verbunden, also Mutterschaft als ein Symbol für eine besondere Beziehungsfähigkeit zu anderen.

Und eine weitere Entgrenzung bringt Maria auch den Männern näher. In Gott ist Weibliches und Männliches, und Maria ist der einzige Mensch, der bei Gottes Menschwerdung aktiv wird. Maria wird zum Vorbild im Glauben für alle Menschen.

Schophuis: Wir glauben ja an die Menschwerdung Gottes und nicht an die Mannwerdung Gottes. Gott ist beides, Mann und Frau. Er brauchte dazu einen Menschen Maria, der Ja gesagt hat, und der ist der einzige Mensch, der an dieser Geschichte mit beteiligt war. Es geht um ihre Haltung des Zuhörens, des Annehmens der Anfrage Gottes und dann Ja zu sagen und dann auch zu handeln. Und da ist sie das Vorbild für alle und nicht nur für Frauen. 

Maria als Prototyp des Menschen, der auf Gott antwortet. Ein Vorbild für alle Menschen. Und weil sich die Kirche als Gemeinschaft der Lebenden und Toten begreift, kann auch Maria um ihr Gebet angerufen werden, so wie ich auch sonst einen anderen Menschen um sein Gebet bitten kann. Gerade jetzt im Marienmonat Mai wird diese Bitte wieder millionenfach am Ende des Rosenkranzgebetes ausgesprochen: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

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