Geburt und Tod – 2 Übergänge in ein neues Leben

25 Jun

Ich bin Vater zweier Söhne. Und wenn ich an die Geburten zurück denke, frage ich mich oft, was jeweils der Kleine wohl gedacht und gefühlt haben mag bei der Geburt. Er kam aus dem warmen, dunklen, eng gewordenen Bauch seiner Mutter heraus und hat das Licht der Welt erblickt, wie man so sagt. Das hat er vorher ja schon wahrgenommen. Ein ungeborener Mensch ist lange vor der Geburt fähig, hell und dunkel zu unterscheiden. Er hört auch schon. Die Stimmen seiner Mutter, die von mir und seinem Bruder, die erkannte er wahrscheinlich gleich nach der Geburt. Es ist wunderbar, wie ein Mensch sich schon vor der Geburt entwickelt, wie er lernt, wächst und sogar mit seiner Nabelschnur spielt, aber dennoch: mit der Geburt kommt er in eine völlig neue Welt, die viel größer, bunter, vielfältiger ist als seine Welt im Leib der Mutter, direkt nach der Geburt wirkt diese neue Welt wohl auch gefährlicher, kälter und erschreckender. Ein neuer Mensch verlässt die einzige Welt, die er bis dahin kennt.

Es ist nicht original meine Idee, aber ich kann das so gut nachfühlen: Die Geburt in diese Welt hinein ist das Bild für den Übergang vom irdischen ins ewige Leben bei Gott. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther im 13. Kapitel: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“

Kann ein ungeborenes Kind die Welt  außerhalb des Mutterleibes beschreiben?  Nein. Genau so wenig können wir beschreiben, wie denn wohl das ewige Leben, wie wohl ein Leben im Angesicht Gottes sein wird. Aber kann ich jetzt schon etwas davon erahnen, erkenne ich wenigstens Umrisse, wie Paulus schreibt?

Theologisch ist das recht  einfach mit einem klaren Ja zu beantworten. Denn das Reich Gottes ist noch zwar winzig klein, aber schon da. Jesus selbst hat das im Gleichnis vom Senfkorn erzählt. Es steht im Evangelium nach Markus im 4. Kapitel: Jesus sagt da: „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“ So also ist es mit dem Reich Gottes. Jetzt schon da, wenn auch nur sehr anfanghaft. Und immer dort spürbar, wo Menschen mit offenem Herzen beten, und vor allem, wo sie lieben. Jesus nennt ganz handfeste Beispiele: Wo Menschen Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Trauernde trösten, wo sie Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, wo sie einander vergeben und umkehren, da geschieht Reich Gottes.

Wer so lebt, kommt nach dem Tod in ein größeres Leben bei Gott. Aber nicht in etwas, was mit dem Leben hier auf Erden nichts zu tun hätte. Im großen Baum steckt  ja noch das Samenkorn, das Ungeborene hat ja schon Kontakt zu unserer Welt. Wer hier auf Erden auf das Wort Gottes hört, wird Gottes Stimme im ewigen Leben wieder erkennen wie ein Baby nach der Geburt die Stimme mindestens der Mutter.

Wir kennen Gott nicht, aber wir dürfen hoffen, dass wir ihn doch wieder erkennen, dass uns sein Wort vertraut ist. Mich hat sehr beeindruckt,  wie Helmut Siepenkort das gesagt hat, bei seiner letzten Predigt als katholischer Propst von Lübeck. Er war schwer krebskrank, jeder in der Kirche wusste, dass er bald sterben wird. Es waren nur noch wenige Wochen vor seinem Tod. Er habe immer versucht, auf Gottes Wort zu hören, sagt er am Schluss der Predigt, und deshalb sei seine große Hoffnung: Wenn Gott nach seinem Tod vor ihm stehe und zu ihm spreche, – dass er dann sagen könne: Ach, du bist es.

Foto: Christian v.R. / Pixelio.de

 

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