Lukas und die Radikalen oder: Auch ich kann in den Himmel kommen

6 Jul

Lukas sei Dank – auch ganz normale Menschen, vielleicht sogar etwas spießig,
können in den Himmel kommen. Der Evangelist Lukas hat nämlich durchaus etwas übrig für Menschen, die nicht gleich Feuer und Flamme sind, sich sofort begeistern lassen, sondern eher bedächtig, genau und ruhig reagieren. Das kann man schon im Vorwort zu seinem Evangelium erkennen: Er will „allem von Grund auf sorgfältig nachgehen, alles der Reihe nach aufschreiben.“
Lukas lobt bedächtige Menschen: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es doch sein, dass er das Fundament gelegt hat,
dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Oder: Wenn ein König gegen den anderen in den Krieg zieht,  setzt er sich nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegen stellen kann, der zwanzigtausend aufbieten kann?“ Gute, solide Planung wird von Lukas also geschätzt.
Genau so wie Geduld: Da hat ein Weinbergbesitzer einen Feigenbaum, der schon drei Jahre lang keine Früchte mehr getragen hat. Was tun? Lieber dem Baum noch ein Jahr Zeit geben, bevor er umgehauen wird. Und sogar das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater bricht nicht mit dem Sohn, der zu Hause geblieben ist, mit dem bürgerlichen Sohn. Es stimmt, für den anderen, der sich das Erbe hat auszahlen lassen, alles verprasst hat und pleite nach Hause kommt – für den wird ein Fest gegeben. Darüber ist der biedere Sohn, der die ganze Zeit zu Hause mitgearbeitet hat, auch verärgert. Aber während des Festes geht der Vater zu ihm raus und sagt:  Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Komm, freu dich mit.

Der Evangelist Lukas schreibt seinen Bericht so um 80 oder 90 nach Christus, zu einer Zeit, als immer weniger Jesus noch persönlich gekannt haben. Dass es nicht so schnell geht mit dem Reich Gottes, dass Jesus nicht so bald wieder kommt,
das ist inzwischen klar. Es ist etwas Alltag eingekehrt. Und damit stellt sich dann die Frage: wie lebe ich denn den christlichen Glauben im Alltag? Alles stehen und liegen lassen und Christus nachfolgen, sich von den Ähren am Wegesrand ernähren und sein ganzes Geld weg schenken – das können tatsächlich nicht alle leben.
Die Situation der Leser, die Lukas im Blick hatte, war nicht so anders als die von uns heute.

Also: einfach alle radikalen Forderungen auf ein erträgliches Maß zusammen streichen? Das macht Lukas nicht. Zum Beispiel beim Thema Geld ist er sehr radikal.
Wehe euch, ihr Reichen! Das liest man sogar nur bei ihm. Der reiche Mann, neben dessen Tisch der arme Lazarus Hunger gelitten hat, ist auf ewig in der Hölle. Die Hungernden beschenkt Gott mit seinen Gaben, und die Reichen lässt er leer ausgehen. Hütet euch vor Habgier. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch auf Grund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Das alles und viel mehr dergleichen steht im Lukas-Evangelium. Aber das Evangelium bleibt irgendwie zwiespältig.

Denn neben diesen radikalen Worten gibt es auch viel pragmatischere Ansätze:
Zum Beispiel: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat,
und wer zu essen hat, der tue es genau so. Und das soll man nicht nur bei Freunden und Verwandten tun: Ihr sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts für euch erhoffen könnt

Das lässt sich schon leben. Ist immer noch radikaler als der bloße Durchschnitt. Der gibt, so unterstellt Lukas, eben nur, wenn was für ihn dabei rausspringt. Die Erinnerung an die radikalen Anfänge und vor allem die Warnungen vor Reichtum,
an dem das Herz hängt, machen dabei deutlich, dass niemand die radikalen Forderungen runterrechnen darf, bis sie nicht mehr weh tun. Aber totale Armut wird doch ergänzt durch die Möglichkeit großherziger Wohltätigkeit. Nicht jeder kann heute so radikal leben wie die ersten Jünger oder wie eine Mutter Teresa. Aber jeder kann überlegen: wie viel Geld brauche ich wirklich für mich? Wie viel kann ich entbehren und spenden? Gebe ich den zweiten Mantel ab? Mit der Antwort, sagt Lukas, kann ich mir sogar Zeit nehmen und alles gut durchrechnen. Auch normal bürgerliche Menschen können in den Himmel kommen.

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