Jazz und Spiritualität

4 Feb

Hier ein Manuskript, das ich für eine Deutschlandfunksendung erstellt habe. Leider kann ich ja aus GEMA Gründen keine Musik einstellen, aber die ganze Sendung kann man auch auf den Seiten des DLF nachhören. Hier die Sendung zum Nachhören.

Musik: Come Sunday – Duke Ellington/Mahalia Jackson
Mahalia Jackson singt im Februar 1958 „Come Sunday“ auf Duke Ellingtons „Black, Brown and Beige“. Duke Ellington griff damit auf eine der Wureln des Jazz zurück, auf den Spiritual. Der wiederum hat die gleiche Struktur wie die Worksongs, die die Sklaven im Süden Amerikas bei der Arbeit sangen.
Musik: Levee Work Song – Hall Negro Quartette
Meist gab es bei den Worksongs einen Vorsänger und die anderen antworteten im Chor. Als im 19. Jahrhundert die Missionierung der Sklaven eingeleitet wurde, übertrugen diese die Struktur der Worksongs auf ihre Gottesdienstgesänge. Zusammen mit der Blasmusik, dem Blues und dem Ragtime sind Spirituals eine der Wurzeln des Jazz.
Musik: Steel away and pray – The Golden Gate Quartett
Es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Spirituals und den Worksongs, nämlich die indirekten Botschaften. Genau so wenig, wie die Sklaven die Härte ihrer Arbeit oder ihrer Sklavenhalter offen beklagen durften, durften sie im Gottesdienst offen für ihre Befreiung beten. Die Geschichte des Volkes Israel und seine Befreiung aus Ägypten wurde zum Gleichnis.
Musik: Go down Moses – Louis Armstrong
„Go Down Moses. Let my People go“ in der Interpretation von Louis Armstrong, der, 1901 geboren, am Beginn seiner Musiklaufbahn auch in sogenannten Marching Bands in New Orleans spielte, die bei Beerdigungen auf dem Weg zum Friedhof getragene Kirchenlieder und auf dem Rückweg lebenslustige Stücke spielten.
Musik: When the saints go Marching in – Louis Armstrong
Viele der frühen Jazzmusiker machten ihre ersten musikalischen Erfahrungen in Gottesdiensten. Das gilt auch für Duke Ellington, der 1899 geboren wurde. Als Kind ging er sonntags gewöhnlich in zwei Gottesdienste, in den methodistischen seines Vaters und den baptistischen der Mutter.
Musik: Take the A Train – Duke Ellington
Als der Jazz sich ab den 20er Jahren zur Unterhaltungsmusik für die Weißen entwickelte, wurde Religion in den Songs kaum mehr thematisiert. Ein Grund dafür ist, dass Schwarze für Weiße spielten, denn in den Clubs, auch im legendären Cotton Club, waren Schwarze als Musiker und als Bedienung, nicht jedoch als Gäste zugelassen. Duke Ellington veröffentlichte sogar ein Spottlied über Religion: „Is that Religion?“
Musik: Is that Religion? – Duke Ellington
Erst als der Jazz über die Clubs hinaus als eigenständige Kunstform anerkannt wurde, änderte sich das wieder. Duke Ellington führte die erste Fassung von „Black, Brown and Beige“ 1944 in der New Yorker Carnegie Hall auf. Musik, von der sagte: „Jetzt kann ich der Welt laut verkünden, was ich mir jahrelang auf Knien selbst sagte.“
Musik: Black, Brown and Beige – Part I – Duke Ellington
Wenn Duke Ellingtons Musik noch 1958 hörbar von europäischen Traditionen beeinflusst ist, so entwickelt sich eine Variante des Jazz, die völlig mit alten Hörgewohnheiten bricht und auch dadurch schwarzes Selbstbewusstsein zeigt: der Free Jazz, dem Ornette Colman mit dem gleichnamigen Album 1960 einen Namen gab. Auch John Coltrane wandte sich, nach und nach, dem Free Jazz zu. John Coltrane, 1926 geboren, wurde heroinabhängig und unterzog sich 1956 einem kalten Entzug, während dessen er, wie er später bekannte, ein Vision Gottes hatte. 1964 schuf er das vielleicht bedeutendste religiöse, spirituelle Werk des Jazz: A Love Supreme, eine Suite mit den vier Teilen Acknowlodgement/Anerkennung, Resolution/Entschluss, Pursuance/Streben und Psalm. Schon der Auftakt, die ersten gut 30 Sekunden sind legendär: auf einen chinesischen Gong folgt eine Saxophonfanfare Coltranes, die vom Schlagzeug unterstützt wird, und dann die Bassline aus vier Tönen wie den vier Silben von „A Love Supreme“.
Musik: A Love Supreme – Acknowlodgement – John Coltrane
In dem Booklet schrieb Coltrane, dass diese Musik „All Praise to God“ sei und schrieb darin auch ein längeres Gedicht, dass mit den Worten beginnt:
I will do all I can to be worthy of Thee Oh Lord
It all has to do with it.
Thank you God.
Peace.
There is no other.
Musik: A Love Supreme – Acknowlodgement – John Coltrane
John Coltrane hat auch nach diesem großem Erfolg spirituelle Musik veröffentlicht, die allerdings kaum mehr verstanden wurde. Zu frei, zu wild, zu wenig Struktur wie auf seinen „Meditations“, denen kaum noch jemand folgen mochte.
Musik: The Father and the Son – John Coltrane
Auch wenn dieses Stück „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ heißt, ist es wichtig, dass sich die Spiritualität John Coltranes keiner Konfession, ja im Grunde keiner bestimmten Religion mehr zuordnen lässt. Er befasste sich viel mit indischer Religion und erklärte mehrfach, er glaube an alle Religionen. Dies scheint ein Charakteristikum des modernen Jazz zu sein, wenn er spirituelle Intentionen hat. Ein Beispiel aus unseren Tagen ist die aus Aserbaidschan stammende Pianistin und Sängerin Aziza Mustafa Zadeh, die von sich sagt: „Meine Mutter ist Christin, mein Vater war Moslem. Ich bin gläubig, ohne einer Religion anzugehören, ich habe Respekt vor jeder Religion.“ Sie nimmt Elemente verschiedener Religionen auf wie sie auch musikalisch auf mehrere Traditionen, auf Klassik, Jazz und Mugam, der Musik ihrer orientalischen Heimat Aserbaidschan zurückgreift.
Musik: A.J.D. – Aziza Mustafah Zadeh
Es sind nicht immer Texte, sondern oft nur Laute im Scat-Gesang, die Aziza Mustafa Zadeh singt. Das hat einen tiefen Grund: Im Laut selber, im Ton, im Klang wird Gott oder das Göttliche gesucht. John Coltrane hat einmal gesagt, der Klang der Musik sei der erste Ausdruck der Schöpfung. In diesem Punkt trifft er sich mit einem Musiker, der nicht nach dem Klang der Schöpfung sucht, aber nach dem, was alle Menschen verbindet. Und er sucht nicht mit einem Saxophon, sondern mit der menschlichen Stimme. Es ist Bobby Mc Ferrin.
Musik: Circle Songs 1 – Bobby Mc Ferrin
Bobby Mc Ferrin sagte letztes Jahr: „Ich sage immer, dass Gott und meine Familie an erster Stelle stehen, dann kommen Humanität und Menschenrechte, dann erst kommt Musik. Aber die Wahrheit ist auch, dass Musik meine Art ist, zu beten und zu lieben. Es hängt alles miteinander zusammen.“ Als Bobby Mc Ferrin seine Frau mit den Kindern spielen sah, erkannte er darin ein Sinnbild für Gottes Liebe zu den Menschen. Und sang den Psalm 23 – Der Herr ist mein Hirte – mit „She“ – Gott als Frau.
Musik: Psalm 23 – Bobby Mc Ferrin
Spirituals gehören zu den Wurzeln des Jazz, es gibt religiöse Jazzmusiker, es gibt spirituelle, religiöse Jazzmusik und Musiker, deren Suche nach dem Klang ihr Weg der Gottsuche ist, auch wenn sich diese Suche keiner bestimmten Religion zuordnen will. Gibt es auch Jazzmusik für die Kirche, für den Gottesdienst? 1994 war ein wichtiges Jahr für den Jazz in der Kirche, und das lag an einem bestimmten Album.
Musik: O salutaris hostia – Officium – Jan Gabarek
Der Saxophonist Jan Gabarek mit dem Hillard Ensemble. Gregorianische Gesänge, vom Hillard Ensemble perfekt gesungen und dazu die Improvisationen des großen Saxophonosten Jan Gabarek. Die CD „Offizium“ war ein großer Erfolg. Auch live, und das meistens in Kirchen. Jan Gabarek sagte 2009 in einem Interview mit der Zeit: „Wir haben auch schon andere Orte ausprobiert, Konzertsäle, sogar mal ein Zelt mit Soundanlage. Aber das funktioniert nicht. Die richtige Magie entsteht erst, wenn diese Atmosphäre da ist, dieser große Raum, in dem sich die Klänge mischen.“ Alte, traditionelle Kirchenmusik mit Jazz zu verknüpfen wie Jan Gabarek es mit der Gregorianik getan hatte, das versuchten jetzt auch andere, auch mit der Musik von Johann Sebastian Bach.
Musik: Partita No II Courante – Bach Meets Jazz – Thomas Gabriel
Thomas Gabriel und „Bach Meets Jazz“. Ein dritter Versuch, Jazz in den Kirchenraum zu holen, ist, Jazz-Messen zu schreiben wie die klassischen Messen mit Kyrie, Gloria, Sanctus und so weiter.
Musik Kyrie – A Little Jazz Mass – Bob Chilcott
„A littel Jazz-Mass“ von Bob Chilcott ist einer der erfolgreichsten Versuche. Auch deutsche Kirchenmusiker haben Jazz-Messen geschrieben. Hier das Gloria aus der „Missa in Jazz“ von Peter Schindler.
Musik: Gloria – Peter Schindler
Sicher können Jazz-Messen die Liturgie bereichern. Dennoch denke ich, dass dabei etwas von der Kraft des Jazz verloren geht. Die Improvisation ist doch das, was den Jazz so einzigartig macht, die Fähigkeit, im Moment des Entstehens der Musik zuentscheiden, welche Noten gespielt werden.
Der Saxophonist Sonny Rollins findet gerade in der Improvisation Spiritualität: „Manchmal, wenn ich mitten in einem wirklich guten Konzert bin, schaltet mein Geist ganz von selbst auf Autopilot um, und ich erlebe, dass ich einfach dort steh, während der Geist des Jazz meinen Körper erfüllt. Ein tiefes spirituelles Erlebnis.“ An diesem spirituellen Erlebnis lassen uns Jazz-Musiker teilhaben.
Musik: I feel a Song coming in – Sonny Rollins

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Eine Antwort to “Jazz und Spiritualität”

  1. aljhbbrdt 4. März 2013 um 01:49 #

    r3FhJQ xtktdokudals

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