Im Alltag beten – wie Teresa von Avila und: Babys

Ein Baby hat keinen Begriff von Religion, es kennt keine Gebete, nichts. Aber ein Baby kann in seiner Beziehung zu Gott doch Vorbild für uns alle sein. Wenigstens, wenn ich einen Gedanken der Heiligen Teresa von Avila ernst nehme. Im 16. Jahrhundert lebte sie als Ordensschwester, als Karmelitin. Ihr Gedanke hat zunächst einmal nichts mit Babys zu tun. Die Heilige sagt: Christus ist auch zwischen Kochtöpfen. Wie kam sie zu solch einer Aussage?

Sie beobachtete an Jesus, dessen Leben sie immer wieder meditierte, wie er sich Gott zuwendet, ihn „Abba“ nennt, liebender Vater. Jesus hat einen freundschaftlichen, liebevollen Umgang zu Gott  und ist zugleich ehrfürchtig im Umgang mit Gott. Und er war Gott und dem jeweils Nächsten zugewandt. Dieser Jesus von damals ist derselbe, zu dem wir beten – das war die erste große Entdeckung Teresas nach fast zwanzig Klosterjahren! Fortan versuchte sie in einer Freundschaft zu Jesus zu leben. Geistliches Leben wird nun für sie „wie ein Umgang mit einem Freund, mit dem wir oft und gern zusammenkommen, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“ 

Die zweite große Entdeckung der Heiligen Teresa von Avila: Wenn Jesus zugleich Gott und dem Nächsten zugewandt war, dann gibt es keine Trennung von Kontemplation und Aktion, von Gebet und Nächstenliebe. Das Leben mit Gott ist nicht auf Gebetszeiten in der Kirche beschränkt. „Christus ist auch zwischen den Kochtöpfen“, sagt sie. Geistliches Leben ist kein zeitlich begrenzbares Tun, sondern eher eine Einstellung und eine Lebensform. 

Noch heute beten die Ordensschwestern der Karmelitinnen sehr bewusst jeden Tag stundenlang in der Kapelle. Aber die Arbeit in der Küche sei auch Dasein in der Gegenwart Gottes. Nicht gering schätzen, alles mit  großer innerer Aufmerksamkeit tun, das sei der Kern  eines kontemplativen Lebens, eines Lebens, das sich der Gegenwart Gottes bewusst sein will. Sie sagte das, um deutlich zu  machen, dass das Leben ein immerwährendes Gebet sein kann, einfach dadurch, dass man sich in der Gegenwart Gottes weiß.

Und das können wir  alle auch, ohne täglich mehrere Stunden in der Kirche zu sitzen. Einfach das, was man tut, ganz tun. Ich muss Gott nicht suchen, weil er schon längst da ist, ich muss mich nur seiner Gegenwart öffnen. Und jetzt zeigen sie mir irgendwen, der so sehr im Augenblick lebt und aufgeht wie ein Baby. Nicht mit den Gedanken ganz woanders, nicht zwei drei Dinge gleichzeitig tun. Hier und jetzt sein. Nichts sonst. Das ist der Gipfel der Kontemplation, der Versenkung in Gottes Gegenwart. Und das können besonders gut Heilige – und Babys.

Um Entschuldigung bitten ist keine billige Sache

Tschuldigung, oder: sorry. Das ist ganz schnell gesagt. Und oft folgt ja auch ein: schon okay. Niemanden fällt es schwer, tschuldigung zu sagen. Und ich glaube, das liegt an einer Machtverschiebung. Ich habe irgend etwas Falsches gemacht, und mir nichts dir nichts in einer Sekunde kann ich das wegbügeln:  tschuldigung: wie billig.
Etwas schwerer fällt das Ganze schon in richtigem Deutsch: ich entschuldige mich. Da wird gleich deutlicher, dass ich hier wirklich etwas falsch gemacht, daneben gelegen, eben Schuld auf mich geladen habe. Aber richtig ernst ist die Situation noch immer nicht. Denn ich habe weiter das Heft in der Hand. Ich entschuldige mich. Und wenn das Opfer meiner Missetat dann immer noch sauer bleibt: Spielverderber.

Ich denke, die richtige Formulierung lautet: ich bitte um Entschuldigung. Wenn die Last einer Schuld auf mir liegt, kann ich die nämlich nicht alleine loswerden. Das Joch, das das Vieh bindet, ist deswegen auch ein altes Bild für Schuld. Mich belastet etwas, sagen wir doch auch.  Und genau so wenig wie der Ochse sein Joch selber abwerfen kann, werde ich die Schuld alleine los. Die muss mir jemand abnehmen. Darum zu bitten: Das fällt schwer.  Auf einmal gibt es nämlich die Gefahr, das jemand sagt: nein. Ich entschuldige nicht, dass du dies oder das gemacht hast. Ich kann dir das nicht verzeihen. Dann muss ich die Schuld weiter mit mir rumschleppen. Auf einmal wird diese Floskel also eine riskante Sache. Auf der anderen Seite: nur wenn ich das Risiko der Bitte um Entschuldigung eingehe, kann ich die Last los werden, sonst bleibe ich im Joch, muss ich die Schuld weiter mit mir rumtragen.

Um Entschuldigung bitten ist ein Risiko, aber ich mache die Erfahrung,  dass eine Bitte um Entschuldigung selten vergebens ist.  Ich fühle mich wirklich freier und leichter, wenn ich um Entschuldigung bitte und meine Frau oder ein Kollege oder Freund sagt: Okay. Ist schon wieder gut. Danke, dass du diese Last von meinen Schultern genommen hast.

Katholischen Christen ist die Bitte um Verzeihung aus dem Gottesdienst vertraut: Herr, erbarme dich. Jeden Sonntag. Drei mal beim Kyrie. Eine ernste Bitte, und doch im Vertrauen darauf gesprochen, dass Gott mir schon längst vergeben hat. Denn seine Liebe zu uns ist größer als unsere Schwachheit und Schuld. Ich wünsche mir etwas von dem Ernst und dem Vertrauen auch unter Menschen. Ich bitte dich um Entschuldigung, das heißt: ich weiß wirklich, dass ich Schuld auf mich geladen habe, und ich hoffe und vertraue darauf, dass du sie von mir nimmst.

Tschuldigung – das heißt fast gar nichts.

Lukas und die Radikalen oder: Auch ich kann in den Himmel kommen

Lukas sei Dank – auch ganz normale Menschen, vielleicht sogar etwas spießig,
können in den Himmel kommen. Der Evangelist Lukas hat nämlich durchaus etwas übrig für Menschen, die nicht gleich Feuer und Flamme sind, sich sofort begeistern lassen, sondern eher bedächtig, genau und ruhig reagieren. Das kann man schon im Vorwort zu seinem Evangelium erkennen: Er will „allem von Grund auf sorgfältig nachgehen, alles der Reihe nach aufschreiben.“
Lukas lobt bedächtige Menschen: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es doch sein, dass er das Fundament gelegt hat,
dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Oder: Wenn ein König gegen den anderen in den Krieg zieht,  setzt er sich nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegen stellen kann, der zwanzigtausend aufbieten kann?“ Gute, solide Planung wird von Lukas also geschätzt.
Genau so wie Geduld: Da hat ein Weinbergbesitzer einen Feigenbaum, der schon drei Jahre lang keine Früchte mehr getragen hat. Was tun? Lieber dem Baum noch ein Jahr Zeit geben, bevor er umgehauen wird. Und sogar das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater bricht nicht mit dem Sohn, der zu Hause geblieben ist, mit dem bürgerlichen Sohn. Es stimmt, für den anderen, der sich das Erbe hat auszahlen lassen, alles verprasst hat und pleite nach Hause kommt – für den wird ein Fest gegeben. Darüber ist der biedere Sohn, der die ganze Zeit zu Hause mitgearbeitet hat, auch verärgert. Aber während des Festes geht der Vater zu ihm raus und sagt:  Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Komm, freu dich mit.

Der Evangelist Lukas schreibt seinen Bericht so um 80 oder 90 nach Christus, zu einer Zeit, als immer weniger Jesus noch persönlich gekannt haben. Dass es nicht so schnell geht mit dem Reich Gottes, dass Jesus nicht so bald wieder kommt,
das ist inzwischen klar. Es ist etwas Alltag eingekehrt. Und damit stellt sich dann die Frage: wie lebe ich denn den christlichen Glauben im Alltag? Alles stehen und liegen lassen und Christus nachfolgen, sich von den Ähren am Wegesrand ernähren und sein ganzes Geld weg schenken – das können tatsächlich nicht alle leben.
Die Situation der Leser, die Lukas im Blick hatte, war nicht so anders als die von uns heute.

Also: einfach alle radikalen Forderungen auf ein erträgliches Maß zusammen streichen? Das macht Lukas nicht. Zum Beispiel beim Thema Geld ist er sehr radikal.
Wehe euch, ihr Reichen! Das liest man sogar nur bei ihm. Der reiche Mann, neben dessen Tisch der arme Lazarus Hunger gelitten hat, ist auf ewig in der Hölle. Die Hungernden beschenkt Gott mit seinen Gaben, und die Reichen lässt er leer ausgehen. Hütet euch vor Habgier. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch auf Grund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Das alles und viel mehr dergleichen steht im Lukas-Evangelium. Aber das Evangelium bleibt irgendwie zwiespältig.

Denn neben diesen radikalen Worten gibt es auch viel pragmatischere Ansätze:
Zum Beispiel: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat,
und wer zu essen hat, der tue es genau so. Und das soll man nicht nur bei Freunden und Verwandten tun: Ihr sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts für euch erhoffen könnt

Das lässt sich schon leben. Ist immer noch radikaler als der bloße Durchschnitt. Der gibt, so unterstellt Lukas, eben nur, wenn was für ihn dabei rausspringt. Die Erinnerung an die radikalen Anfänge und vor allem die Warnungen vor Reichtum,
an dem das Herz hängt, machen dabei deutlich, dass niemand die radikalen Forderungen runterrechnen darf, bis sie nicht mehr weh tun. Aber totale Armut wird doch ergänzt durch die Möglichkeit großherziger Wohltätigkeit. Nicht jeder kann heute so radikal leben wie die ersten Jünger oder wie eine Mutter Teresa. Aber jeder kann überlegen: wie viel Geld brauche ich wirklich für mich? Wie viel kann ich entbehren und spenden? Gebe ich den zweiten Mantel ab? Mit der Antwort, sagt Lukas, kann ich mir sogar Zeit nehmen und alles gut durchrechnen. Auch normal bürgerliche Menschen können in den Himmel kommen.

Lob des Alltags, der grauen Werktage

Auch diesen Montag soll man nicht vor dem Abend loben. Sagt man so, ich weiß. Ich will es aber genau anders herum machen. Ich will diesen Tag schon jetzt loben, ganz am Beginn. Dabei erwarte ich heute nichts besonderes, sondern so einen richtig grauen Alltagstag. Einen Tag, wie er in seiner Alltäglichkeit vielleicht Jesus vorschwebte, als er sagte, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Für mich heißt das Aufstehen, mit der Familie frühstücken, arbeiten, die Kinder aus dem Kindergarten abholen, nach Hause kommen, mit den Kindern spielen, Abend essen, ein bisschen fernsehen und ab ins Bett. Und doch: dieser Tag wird viele gute Gelegenheiten bieten. Zum nett sein, zum Gut sein, für Freundlichkeit, Sanftmut, Liebe, Güte, Frieden, Langmut und Geduld, die Früchte des Heiligen Geistes, wie Paulus sie nennt. Die müssen nämlich nicht nur in herausragenden Situationen verwirklicht, sondern im Alltag gelebt werden.

Ich schaffe es aber viel weniger, geduldig und liebevoll und freundlich zu sein, wenn ich einen Tag missgelaunt und mürrisch angehe. Wenn ich aber ausgeschlafen bin und den Tag wach und positiv und offen angehe, wird er so werden, dass ich ihn auch am Abend loben kann

Das mag jetzt verdächtig nach einem billigen Psychotrick klingen oder nach dem Konzept des „Positiven Denkens“. Ziel diees positiven Denkens ist es, durch Autosuggestionen das Bewusstsein und Unterbewusstsein zu beeinflussen. Positives Denken geht davon aus, dass der Mensch programmierbar sei und es für alle Menschen die eine „richtige Programmierung“ gebe. Das führt dann schnell zu Ratgeberbüchern mit Klappentexten wie „Auch Sie können glücklich und erfolgreich sein, wenn sie nur die einfachen Regeln dieses Buches befolgen…“. Auch wenn der ein oder andere Trick hilfreich sein mag, gehe ich nicht von einer Programmierbarkeit des Menschen aus. Mein Morgenlob des Abends ist kein Trick.

Mein Grund für den Optimismus auch diesem Tag gegenüber geht tiefer. Ich glaube, dass dieser Tag ein Geschenk ist. Ein einmaliges Geschenk. Ein kleines Kind von Gottes Ewigkeit, wie es Karl Rahner so schön gesagt hat. Ich glaube, dass dieser Tag sehr viele Chancen bietet, etwas von der Güte Gottes zu erfahren und weiterzugeben. Ganz alltäglich. Vielleicht kann ich in der U-Bahn meinen Platz anbieten, vielleicht lässt eine Kollegin mich bei einem Kaffee an ihrem Leben teilhaben, ich kann das Lachen meiner Kinder genießen und ihnen Geborgenheit schenken und so weiter. Wirklich keine Aufsehen erregenden Dinge. Aber ich muss oft an Menschen in der Bibel denken wie den Zöllner, den Jesus wieder in die Mitte der Gesellschaft holt. Nachdem Jesus bei ihm gegessen hat, verspricht er, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und zu viel gefordertes vierfach zu erstatten. Das ist nicht gerade wenig, aber: Zachäus lässt nicht alles stehen und liegen und zieht mit Jesus weiter. Er bleibt auch nach der Begegnung mit Jesus Zöllner, lebt sein Leben weiter, nur besser. Und anderes verlangt Jesus auch nicht. Zachäus soll seinen Alltag gut leben. Genau wie ich und sie vielleicht auch. Ich bin kein politisch oder sonst wie wichtiger Mensch, ich bin kein Missionar in einem bitterarmen Land. Mein Platz als Christ ist der Alltag. Das heißt, dass ich mich hier beweisen muss, aber auch, dass ich im Alltag Gott erfahren kann.
Das kann ich mir morgens bewusst machen. Zum Beispiel so, wie es der Hamburger Erzbischof Werner Thissen empfiehlt. Beginne den Tag gleich nach dem Aufwachen mit einem bewussten Kreuzzeichen und dem Satz: „Du Herr zeigst uns den Weg zum Leben.“ Das tut er. Auch heute wieder. Und dass ist doch ein guter Grund, den Tag vor dem Abend zu loben.

Arbeiter im Weinberg. Evangelium für den Mindestlohn?

Was ist gerecht? Wie viele Unterschiede kann und soll sich eine Gesellschaft leisten?
Die Diskussion um solche Fragen bestimmt seit Monaten die öffentliche Diskussion.
In der Bibel, liebe Hörerinnen und Hörer, finden sich keinerlei Angaben zu Flächentarifverträgen, zum Kündigungsschutz oder der richtigen Höhe des Urlaubsgeldes.
Um Gerechtigkeit geht es aber oft sehr wohl.
Das ist doch nicht gerecht! Diesen Unmut höre ich immer wieder,
wenn es um das Evangelium von den Arbeitern im Weinberg geht.
Da sagt Jesus, dass es mit dem Himmelreich ist wie mit einem Gutsbesitzer,
der Arbeiter für seinen Weinberg wirbt.
Er tut das am frühen Morgen, gegen Mittag, nachmittags und auch abends noch einmal, insgesamt fünf Mal. Die ersten arbeiten den ganzen langen Tag.
Die letzten, die er für die Arbeit anwirbt, arbeiten nur noch eine Stunde.
Jedem verspricht der Gutsbesitzer: Ich werde euch geben, was recht ist.
Und dann: bekommen alle den gleichen Lohn,
nämlich einen Denar, eine römische Silbermünze.
Schwer exakt zu sagen, wie viel das damals wert war, aber auf jeden Fall reichte ein Denar für das, was man zum Leben brauchte, für Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf.
Also: gleicher Lohn für alle. Egal, wie viel sie gearbeitet haben.
Ungerecht, rufen da die, die den ganzen Tag geschuftet haben und nicht nur eine Stunde.
Der Gutsbesitzer bügelt sie einfach ab: Freunde, ich gebe euch, was abgemacht war,
was beschwert ihr euch also. Darf ich nicht tun, was ich will?
Und er gibt sogar den letzten zuerst das Geld, und erst zuletzt denen,
die die ersten waren bei der Arbeit.
Ungerecht, rufen auch heute noch viele. Stimmts? Was man wissen muss.
Es geht hier um Tagelöhner. Die standen in Jerusalem an einer Mauer,
und dann kamen die Arbeitgeber und haben Leute angestellt.
Das ging dann so wie früher in der Schule beim Sport.
Die Fittesten gingen zuerst weg – und verdienten am meisten.
Übrig blieben die alten, schwachen, kranken Menschen.
Jetzt klingt die Geschichte schon anders, oder?
Alleine, dass der Gutsbesitzer den Letzten Arbeit gegeben hat, war schon etwas Besonderes.
Viel Ertrag haben die bestimmt nicht gebracht.
Ich denke, zum Thema Gerechtigkeit in der Arbeitswelt sagt dieses Evangelium drei Dinge: Einmal: Eine pure Ellbogengesellschaft, in der die Starken die Schwachen nach unten weg treten, wird hier abgelehnt. Beim Arbeitgeber im Himmelreich bekommt jeder Lohn nach seiner Leistungsfähigkeit. Der Starke muss eben mehr leisten als der Schwache. Seine Stärke ist ein Geschenk Gottes, ein Talent, dass er einsetzen soll für alle.
Zweitens: Jeder soll für seine Arbeit einen Lohn erhalten, von dem er leben kann.
Auch deshalb bekommen alle einen Denar.
Aber und drittens: die Geschichte ist auch nichts für Faule,
denn jeder soll für seinen Lohn arbeiten, so wie er kann.
Auch wenn es nur noch eine Stunde geht.
Das ist alles schon gerecht, oder? Und was sagt das Evangelium für die gegenwärtige Diskussion um Gerechtigkeit? Mir scheint, dass sich nahezu alle relevanten Personen und Gruppierungen in Deutschland eigentlich darin einig sind, dass nicht das reine Recht des Stärkeren herrschen soll, dass man von seiner Arbeit leben können muss und dass man aber auch für seinen Lohn arbeiten soll.
Vielleicht ist unsere Gesellschaft ja doch christlicher, als man denkt?
Das zu  erhalten kann durchaus heißen, die Prinzipien de Evangeliums von den Arbeitern im Weinberg in anstrengenden Diskussionen und mühevoller Gesetzesarbeit möglichst gut in arbeitsrechtliche Regelungen zu übersetzen.
Das Evangelium gibt dabei auch die Denkrichtung an.
Die Letzten bekommen als erste ihren Lohn heißt:
Bitte denkt von unten her, denkt zuerst an die Schwächsten.
Dazu lädt der Gutsbesitzer die protestierenden Starken ein, wenn er fragt:
Bist du neidisch, weil ich gütig bin?
Wir sollen uns doch bitte ein Beispiel an der Güte Gottes nehmen.
Mit dem gleichen Lohn verlassen wir allerdings diese Welt.
Die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg ist ja doch eine Geschichte,
mit der Jesus klar machen wollte, wie es im Himmelreich, im Reich Gottes zugeht.
Und das vollendete Reich Gottes, das ewige Leben bei Gott, das muss dann doch für alle gleich sein, oder? Ein bisschen Ewigkeit geht nicht. Dieser Lohn wird bestimmt für alle gleich sein.

Unser Atem und der Heilige Geist

Ich weiß, was Sie gerade machen. Genau jetzt. Und auch, was Ihr Nachbar macht. Die Frau nebenan im Auto. Ich weiß etwas, das jeder Mensch auf der Erde gerade macht. Und die Tiere – die tun es auch. Nämlich: Atmen.

Wahrscheinlich haben Sie das jetzt gerade gar nicht bewusst wahr genommen. Meist atmen wir ja, ohne es zu merken. Wir atmen die Luft ein – und aus – und ein – und aus. Sie ist einfach da, ohne das wir uns große Gedanken darum machen. Wir atmen – Vom ersten Atemzug bis zum letzten. Den Atem nehmen wir erst wahr, wenn er irgendwie besonders ist: Urlauber atmen in den Bergen oder an der See erst mal tief durch. Im Alltag bemerken wir den Atem meist nur, wer etwas stört. In einer Staubwolke atmet es sich schwerer, der Atem wird uns geraubt, schwer gemacht, wir werden kurzatmig, uns bleibt die Luft weg, etwas ist nicht in Ordnung.

Der Atem, die Luft zum Atmen ist auch eines der Bilder für Gottes Heiligen Geist. Nicht zu sehen, zu schmecken, zu hören, aber: Immer da und lebensnotwendig. „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem“. So erzählt die Bibel von der Erschaffung des Menschen. Knochen, Fleisch und Haut machen den Menschen nicht lebendig, sondern erst der Atem, der Geist. Und am Ende: Natürlich haben Menschen immer schon an den letzten Atemzug von Jesus gedacht, wenn es bei seinem Tod am Kreuz heißt: Jesus gibt seinen Geist auf und stirbt.

Der Atem, Gottes Geist ist es, was uns im Leben hält. Gott haucht dem Menschen und der ganzen Schöpfung mit seinem Atem das Leben ein. In Psalm 104, dem großen Loblied auf die Schöpfung und ihren Schöpfer, werden Atem und Geist direkt nebeneinander gestellt:

„Alle Geschöpfe warten auf dich, dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.
Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein,
öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem.
Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört,
nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie dahin
und kehren zurück zum Staub der Erde.
Sendest du deinen Geist aus,
so werden sie alle erschaffen und du erneuerst das Antlitz der Erde.“

Ich erfahre auch persönlich immer wieder, dass ein Leben nach Gottes Geist mich freier atmen lässt. Zum Beispiel bei einem Streit. Es ist doch so, dass da dicke Luft herrscht, ein Streit schnürt mir buchstäblich den Brustkorb zu und macht mir das Atmen, macht mir das Leben schwer. Und umgekehrt genau so: wenn ich mich nach dem Streit versöhne, kann ich die Erleichterung physisch spüren: ich bin erleichtert und atme erst mal auf. Der Heilige Geist ist Gottes Atem, der uns leben und gut leben lässt. Die letzte Zeile des Psalmbuches, die letzte Zeile von Psalm 150 lautet:

Alles, was atmet, lobe den Herrn. Halleluja

Bewusst atmen ist eben auch das kürzeste und natürlichste Gebet, das es gibt.

Alt und lebenssatt – Über gutes Sterben

Vor der Geburt kannten wir alle nichts anderes als den Leib der Mutter mit einigen Tönen und Geräuschen, die zu uns durchdrangen. Ein gutes Leben. Für  eine  bestimmte Zeit. Mit der Geburt kommen wir dann in eine Welt, die größer, vielfältiger ist.

Was ich sehr faszinierend finde: irgendwann spürt das Ungeborene, dass es mit diesem Lebensabschnitt vorbei ist. Es wird einfach zu eng, auch die Qualität der Nahrung nimmt ab.

Das Ungeborene ist reif für diese Welt. Diese Entwicklung setzt all die biologischen Dinge in Gang, die dann zu Wehen und zur Geburt führen. Es ist aber wichtig, dass das Kind mitmacht, sagen Ärzte und Hebammen, auch wenn sie keineswegs von einem durchdachten Willensakt sprechen.

So etwas gibt es auch  am Ende des Lebens. Nicht, wenn ein Unglück Menschen mitten aus dem Leben reißt, aber am Ende eines langen Lebens schon. Ärzte sagen oft, dass es wichtig ist, dass die Patienten  mitmachen, wirklich gesund werden wollen. Und stellen bei sehr kranken oder sehr alten Menschen oft einfach fest: der Lebenswille ist erloschen.

Das Ideal vom Ende unseres irdischen Lebens bezeichnet die Bibel mit: alt und lebenssatt. Im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis steht  das im 25. Kapital. Es geht um den Tod Abrahams. Wörtlich:  „Das ist die Zahl der Lebensjahre Abrahams: Hundertfünfundsiebzig Jahre wurde er alt, dann verschied er. Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint.“ 175 Jahre sind nun wirklich alt, aber interessanter ist doch das Wort lebenssatt. Das deutet ja schon an, dass es auch irgendwann genug sein kann. Der Theologe Gerhard von Rad hat das so beschrieben: „Es gibt“, so schreibt er, „ein innerliches Damit-zu-Ende-kommen, einen Zustand der Sättigung, einen Punkt, an dem das von Gott zugemessene ausgeschöpft ist. Dies ist dann der Augenblick der Todesreife.“ Dieses Leben ist ausgeschöpft, dass gilt für den Übergang vom Leben im Leib  der Mutter zum irdischen Leben und beim Übergang vom irdischen zum  ewigen Leben.

Was beide Prozesse eint: Es ist ein Übergang ins Ungewisse, der Durchgang ins neue Leben ist auch oft schmerzhaft. Und im Unterschied zum Ungeborenen wissen wir darum. Das macht vielen Angst. Angst vor den Schmerzen, die mit dem Sterben verbunden sein können. Angst davor, ausgeliefert zu sein.

Es ist sehr interessant, was Monika Renz dazu schreibt. Sie ist Theologin und Psychotherapeutin und leitet die Psychoonkologie in Sankt Gallen. Monika Renz hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben. Sterbende, die sie selber begleitet hat. Nach der  Angst vor der Apparatemedizin und der eigenen Machtlosigkeit als Patient gefragt, antwortet sie:  „Die wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute pflegerische Hände geben kann. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es schön, ein Fließen, ein Friede.“ Und die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht direkt Geburt und Todesnähe und sagt: Irgendwann muss man hindurch. Seelisch und körperlich. Das macht den Menschen in einer Weise glücklich, die ich im Leben nicht kenne.

Etwas von diesem Glück sieht man auch auf den Fotos, die Walter Scheels von Menschen gemacht hat, und zwar kurze Zeit vor Tod und dann unmittelbar nach dem Tod. Es waren alles unheilbar kranke Menschen, die also wussten, dass sie bald sterben. Was bei Betrachten der Portraits sofort auffällt: Nach dem Tod ist jegliche Anstrengung aus den Gesichtern verschwunden. Die Portraits der Toten sehen sehr friedlich und würdevoll aus. Ruhe in Frieden – dieser Wunsch scheint erfüllt.

Spüren, wenn der Schritt ins nächste Leben ansteht, sich vorbereiten, bereit sein und dann loslassen können. Weil es genug ist. Das gilt für beide Übergänge: vom Leben im Leib der Mutter zum irdischen und vom irdischen zum ewigen Leben bei Gott. Und wie man nach der Geburt nicht allein ist, sondern weiter geborgen, darf man als Christ darauf hoffen, dass auch der Schritt raus aus diesem irdischen Leben kein Schritt ins Nichts ist, sondern einer hinein in die Liebe und Geborgenheit bei Gott.

Foto: IchSelbst / Pixelio.de

Geburt und Tod – 2 Übergänge in ein neues Leben

Ich bin Vater zweier Söhne. Und wenn ich an die Geburten zurück denke, frage ich mich oft, was jeweils der Kleine wohl gedacht und gefühlt haben mag bei der Geburt. Er kam aus dem warmen, dunklen, eng gewordenen Bauch seiner Mutter heraus und hat das Licht der Welt erblickt, wie man so sagt. Das hat er vorher ja schon wahrgenommen. Ein ungeborener Mensch ist lange vor der Geburt fähig, hell und dunkel zu unterscheiden. Er hört auch schon. Die Stimmen seiner Mutter, die von mir und seinem Bruder, die erkannte er wahrscheinlich gleich nach der Geburt. Es ist wunderbar, wie ein Mensch sich schon vor der Geburt entwickelt, wie er lernt, wächst und sogar mit seiner Nabelschnur spielt, aber dennoch: mit der Geburt kommt er in eine völlig neue Welt, die viel größer, bunter, vielfältiger ist als seine Welt im Leib der Mutter, direkt nach der Geburt wirkt diese neue Welt wohl auch gefährlicher, kälter und erschreckender. Ein neuer Mensch verlässt die einzige Welt, die er bis dahin kennt.

Es ist nicht original meine Idee, aber ich kann das so gut nachfühlen: Die Geburt in diese Welt hinein ist das Bild für den Übergang vom irdischen ins ewige Leben bei Gott. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther im 13. Kapitel: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“

Kann ein ungeborenes Kind die Welt  außerhalb des Mutterleibes beschreiben?  Nein. Genau so wenig können wir beschreiben, wie denn wohl das ewige Leben, wie wohl ein Leben im Angesicht Gottes sein wird. Aber kann ich jetzt schon etwas davon erahnen, erkenne ich wenigstens Umrisse, wie Paulus schreibt?

Theologisch ist das recht  einfach mit einem klaren Ja zu beantworten. Denn das Reich Gottes ist noch zwar winzig klein, aber schon da. Jesus selbst hat das im Gleichnis vom Senfkorn erzählt. Es steht im Evangelium nach Markus im 4. Kapitel: Jesus sagt da: „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“ So also ist es mit dem Reich Gottes. Jetzt schon da, wenn auch nur sehr anfanghaft. Und immer dort spürbar, wo Menschen mit offenem Herzen beten, und vor allem, wo sie lieben. Jesus nennt ganz handfeste Beispiele: Wo Menschen Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Trauernde trösten, wo sie Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, wo sie einander vergeben und umkehren, da geschieht Reich Gottes.

Wer so lebt, kommt nach dem Tod in ein größeres Leben bei Gott. Aber nicht in etwas, was mit dem Leben hier auf Erden nichts zu tun hätte. Im großen Baum steckt  ja noch das Samenkorn, das Ungeborene hat ja schon Kontakt zu unserer Welt. Wer hier auf Erden auf das Wort Gottes hört, wird Gottes Stimme im ewigen Leben wieder erkennen wie ein Baby nach der Geburt die Stimme mindestens der Mutter.

Wir kennen Gott nicht, aber wir dürfen hoffen, dass wir ihn doch wieder erkennen, dass uns sein Wort vertraut ist. Mich hat sehr beeindruckt,  wie Helmut Siepenkort das gesagt hat, bei seiner letzten Predigt als katholischer Propst von Lübeck. Er war schwer krebskrank, jeder in der Kirche wusste, dass er bald sterben wird. Es waren nur noch wenige Wochen vor seinem Tod. Er habe immer versucht, auf Gottes Wort zu hören, sagt er am Schluss der Predigt, und deshalb sei seine große Hoffnung: Wenn Gott nach seinem Tod vor ihm stehe und zu ihm spreche, – dass er dann sagen könne: Ach, du bist es.

Foto: Christian v.R. / Pixelio.de

 

Still geborene Kinder und ihre verwaisten Eltern

Radiobeitrag still geborene Kinder und ihre verwaisten Eltern

Viele bunte Windräder drehen sich, Spielzeugautos stehen bereit, kleine Plüschtiere warten darauf, dass sie in den Arm genommen werden. Aber kein Kinderlachen übertönt das Rascheln des Laubes. Denn dies ein Ort für still geborene Kinder, eine Grabstätte für Kinder, die schon im Mutterleib gestorben sind.  Auch Bosse hat ein kleines Grab. Schon zweieinhalb Jahre lang. Er ist der still geborene Sohn von Franka Weber.

Also ich habe ein Kind jetzt bekommen – das ist ein knappes Jahr alt – und habe aber ein Kind, das totgeboren ist  vor zweieinhalb Jahren.

Franka Weber war schon in der 38. Schwangerschaftswoche. Das Kinderzimmer war eingerichtet. Aber dann: Sie spürte keine Kindsbewegungen mehr.

Dann steht da ein Oberarzt, der sagt „Sie wollen jetzt sicher alleine sein“ und geht aus dem Raum und ich stelle fest „Nein, ich gerade jetzt nicht alleine sein“. Ich hatte aber ganz tolle Hebamme, die mir dann erzählt haben, wie es weitergeht, dass die Geburt eingeleitet werden muss, dass ich das Kind normal zur Welt bringen muss.   

Das klingt brutal. War aber nicht nur aus medizinischen Gründen eine gute Entscheidung.

Ich sag immer, das verstehen viele nicht, aber das war ein ganz furchtbares Erlebnis, es war aber auch ein sehr schönes Erlebnis, denn ich habe ein Kind zur Welt gebracht. Die Klinik war ganz toll, die Hebammen waren toll. Ich konnte das Kind so lange haben, wie ich wollte, ich hatte eben eine ganze Nacht und einen Tag Zeit, mich zu verabschieden und habe das Kind auch bei mir gehabt.

Die Großeltern standen ihr bei, die beste Freundin war bei ihr. Sie war nicht allein. Aber nicht alle reagierten so positiv.

So: Jetzt kann es ja weitergehen, denn das Kind hat ja nicht gelebt.

Solche Reaktionen sind nicht selten. Rita Becker weiß das aus vielen Gesprächen mit trauernden verwaisten Eltern still geborener Kinder. Sie ist katholische Gemeindereferentin in einer Kieler Gemeinde. Bei der Trauerfeier am Grab für still geborene Kinder merkte sie, dass die verwaisten Eltern Hilfe brauchen. Seitdem bietet sie in den Räumen der katholischen Gemeinde ein Treffen für solche Eltern an.

Es kommen am Anfang die Eltern und dann nach zwei, drei Treffen bleiben die Frauen. Die Männer gehen in ihrer Trauer andere Wege und müssen auch in der Regel viel schneller wieder.

Die monatlichen Treffen haben einen festen Ablauf.

Die Eltern werden als erstes begrüßt und dann begrüßen sie ihre Kinder, das ist ein Ritual, bei dem wir eine Kerze anzünden, so dass die Kinder ganz willkommen geheißen werden, egal, ob sie einen Namen haben oder nicht.  Gott kennt jedes Kind mit seinem Namen. Und dann gibt es so eine Runde „Was ist in den letzten vier Wochen passiert?“. Und dann gibt es am Ende eine Abschlussrunde: Wie gehe ich von hier weg? Und dann gibt es zum Abschluss ein Gedicht, dass sie vier Wochen begleiten soll.

Das Ritual ist wichtig. Die kompetente Leitung ist wichtig. Am wichtigsten aber ist es wohl einfach, andere zu treffen, denen es ähnlich geht, sagt Franka Weber.

Das hat mir wahnsinnig geholfen zu  sehen: Die überleben. Das geht. Es geht weiter. Und ich weiß noch, dass ich beim ersten Termin so erstaunt war, dass die gelacht haben. Also es tut genau so weh wie vor zweieinhalb Jahren, aber man lernt, dass das jetzt dazu gehört, das gehört jetzt zu meinem Leben dazu dieser Schmerz.

Grabstätte für still geborene Kinder

Grabstätte für still geborene Kinder

Auch ganz konkrete Dinge werden ausgetauscht. Wie gestalten andere das Grab? Wie feiern sie Weihnachten? Wie mit dem errechneten Geburtstermin umgehen? Rita Becker ist katholische Seelsorgerin. Die Treffen finden in kirchlichen Räumen statt. Und sonst? Spielt der Glaube auch eine Rolle?

Indem ich es auch manchmal nur noch mal reinbringe, was wir denn über unseren Glauben denken, über Gott, das ist schon die Öffnung. Das Zweifeln und Hadern mit Gott ist selbstverständlich – Warum passiert mir das gerade – dass das ausgesprochen werden darf, meine Wut über Gott, meine Wut auch über das Kind! Warum bist du gegangen? Dass all das sein darf, finde ich ganz wichtig.

Gerade heute und morgen, an Allerheiligen und Allerseelen,  gehen viele Katholiken auf die Friedhöfe, zünden eine Kerze  an, ein ewiges Licht als Zeichen für das ewige Leben. Hilft dieser Glaube auch Eltern, die still geborene Kinder zu Grabe getragen haben?

Ich glaube daran, dass es uns Kraft gibt, dass Leben dann auch zu meistern und das in unsere Lebensbiografie auch zu integrieren.

Auch Franka Weber glaubt an ein Wiedersehen – und daran, dass Bosse niemals ganz weg sein wird.

Bosse ist mein kleiner Engel. Und sicherlich hilft das, so eine Idee zu haben, da gibt es jetzt etwas, wo er jetzt ist, lass es Himmel nennen oder auch nicht, wo er jetzt ist und wo es irgendjemand oder irgendetwas gibt, das auf ihn aufpasst. Es ist in der Tat so, dass ich seit Bosses Tod keine Angst mehr vor dem Sterben habe, weil ich die Idee habe, wir sehen uns dann wieder.