Karwoche: Verhüllen um zu sehen

Mal genauer hinschauen bei Dingen, die man so oft sieht, dass man sie fast nicht mehr wahrnimmt, jedenfall nicht mehr ihre Besonderheiten. Das ist ein Grund für die Kreuzverhüllung in der Karwoche. In der Pfarei Heilige Familie in Hamburg Langenhorn ging man dieses Jahr einen Schritt weiter: Mit Beginn der Fastenzeit wurde jeden Sonntag ein neuer, heiliger, Gegenstand verhüllt: Der Kreuzweg zuerst, dann der Altar, der Kranz um die Madonna, der Tabernakel und auch das Kreuz. Dass das alles mit großen weißen Tüchern geschah, betonte noch mehr die Konturen.

Das Lourdes Haus in Neumünster

Mein Kollege Marco Chwalek fuhr mit dem Auto nach Neumünster in Schleswig-Holstein und hat auf der Zufahrtstrasse zum Stadtzentrum eine tolle Entdeckung gemacht: Das Lourdes-Haus. An der Fassade am Haus von Familie Laubinger prangt die Szenerie der Marienerscheinung in der Felsgrotte von Lourdes.
Am 11. Februar 1858 begann in Lourdes eine Reihe von Marienerscheinungen. Insgesamt 18 Mal soll sich dort die Mutter Gottes in einer Felsengrotte gezeigt haben. An diese Stelle kommen bis heute jedes Jahr Millionen Gläubige. Zum einen um Maria um Hilfe zu bitten oder sich für etwas zu bedanken. So wie Johnny und Karin Laubinger (aus Neumünster). Ende 2000 schwebte ihr Sohn Anthony nach der Geburt in Lebensgefahr. „Er konnte nicht selber atmen, musste beamtet werden. Was kann man da als Eltern machen? Wir haben gezittert, gebibbert – drei Tage lang. Sie glauben nicht, wie viel ich gebetet hab!“, erinnert sich Johnny Laubinger. Und all das Bangen und Beten hat geholfen: „Nach drei Tagen hat sich alles wieder normalisiert, er brauchte nicht mehr künstlich beatmet werden und ich hab mir geschworen: Wir fahren nach Lourdes!“, so der Vater.
Gesagt getan! Im Jahr drauf ging es im Wohnmobil die knapp 1.800 Kilometer runter, von Neumünster bis fast an die spanische Grenze. „Das wollten wir als Dankeschön. Da haben wir die Strapazen auf uns genommen, aber es war so schön da – und wir wollten das Bild von Lourdes in Erinnerung behalten“, erzählt Karin Laubinger von der Reise. Beim blättern in einem Buch aus Lourdes verguckte sich das Paar in ein Bild. Und so ließen sich die Eltern vor fünf Jahren die Erscheinung der Mutter Gottes auf ihre Hauswand malen. Aus Dankbarkeit, dass es Anthony heute gut geht. Der ist mittlerweile 12 Jahre alt und war unter anderem schon Landesmeister in Karate. Und auch wenn es kein einfacher Start war, erinnert sich Karin Laubinger gerne an die ersten Tage im Leben von ihrem Anthony: „Ich konnte mich zurückziehen, beten und ich wusste es war jemand da und hat mir die Hand gehalten. Und das hat mir die Kraft geben.“

Jazz und Spiritualität

Hier ein Manuskript, das ich für eine Deutschlandfunksendung erstellt habe. Leider kann ich ja aus GEMA Gründen keine Musik einstellen, aber die ganze Sendung kann man auch auf den Seiten des DLF nachhören. Hier die Sendung zum Nachhören.

Musik: Come Sunday – Duke Ellington/Mahalia Jackson
Mahalia Jackson singt im Februar 1958 „Come Sunday“ auf Duke Ellingtons „Black, Brown and Beige“. Duke Ellington griff damit auf eine der Wureln des Jazz zurück, auf den Spiritual. Der wiederum hat die gleiche Struktur wie die Worksongs, die die Sklaven im Süden Amerikas bei der Arbeit sangen.
Musik: Levee Work Song – Hall Negro Quartette
Meist gab es bei den Worksongs einen Vorsänger und die anderen antworteten im Chor. Als im 19. Jahrhundert die Missionierung der Sklaven eingeleitet wurde, übertrugen diese die Struktur der Worksongs auf ihre Gottesdienstgesänge. Zusammen mit der Blasmusik, dem Blues und dem Ragtime sind Spirituals eine der Wurzeln des Jazz.
Musik: Steel away and pray – The Golden Gate Quartett
Es gibt noch eine Gemeinsamkeit zwischen Spirituals und den Worksongs, nämlich die indirekten Botschaften. Genau so wenig, wie die Sklaven die Härte ihrer Arbeit oder ihrer Sklavenhalter offen beklagen durften, durften sie im Gottesdienst offen für ihre Befreiung beten. Die Geschichte des Volkes Israel und seine Befreiung aus Ägypten wurde zum Gleichnis.
Musik: Go down Moses – Louis Armstrong
„Go Down Moses. Let my People go“ in der Interpretation von Louis Armstrong, der, 1901 geboren, am Beginn seiner Musiklaufbahn auch in sogenannten Marching Bands in New Orleans spielte, die bei Beerdigungen auf dem Weg zum Friedhof getragene Kirchenlieder und auf dem Rückweg lebenslustige Stücke spielten.
Musik: When the saints go Marching in – Louis Armstrong
Viele der frühen Jazzmusiker machten ihre ersten musikalischen Erfahrungen in Gottesdiensten. Das gilt auch für Duke Ellington, der 1899 geboren wurde. Als Kind ging er sonntags gewöhnlich in zwei Gottesdienste, in den methodistischen seines Vaters und den baptistischen der Mutter.
Musik: Take the A Train – Duke Ellington
Als der Jazz sich ab den 20er Jahren zur Unterhaltungsmusik für die Weißen entwickelte, wurde Religion in den Songs kaum mehr thematisiert. Ein Grund dafür ist, dass Schwarze für Weiße spielten, denn in den Clubs, auch im legendären Cotton Club, waren Schwarze als Musiker und als Bedienung, nicht jedoch als Gäste zugelassen. Duke Ellington veröffentlichte sogar ein Spottlied über Religion: „Is that Religion?“
Musik: Is that Religion? – Duke Ellington
Erst als der Jazz über die Clubs hinaus als eigenständige Kunstform anerkannt wurde, änderte sich das wieder. Duke Ellington führte die erste Fassung von „Black, Brown and Beige“ 1944 in der New Yorker Carnegie Hall auf. Musik, von der sagte: „Jetzt kann ich der Welt laut verkünden, was ich mir jahrelang auf Knien selbst sagte.“
Musik: Black, Brown and Beige – Part I – Duke Ellington
Wenn Duke Ellingtons Musik noch 1958 hörbar von europäischen Traditionen beeinflusst ist, so entwickelt sich eine Variante des Jazz, die völlig mit alten Hörgewohnheiten bricht und auch dadurch schwarzes Selbstbewusstsein zeigt: der Free Jazz, dem Ornette Colman mit dem gleichnamigen Album 1960 einen Namen gab. Auch John Coltrane wandte sich, nach und nach, dem Free Jazz zu. John Coltrane, 1926 geboren, wurde heroinabhängig und unterzog sich 1956 einem kalten Entzug, während dessen er, wie er später bekannte, ein Vision Gottes hatte. 1964 schuf er das vielleicht bedeutendste religiöse, spirituelle Werk des Jazz: A Love Supreme, eine Suite mit den vier Teilen Acknowlodgement/Anerkennung, Resolution/Entschluss, Pursuance/Streben und Psalm. Schon der Auftakt, die ersten gut 30 Sekunden sind legendär: auf einen chinesischen Gong folgt eine Saxophonfanfare Coltranes, die vom Schlagzeug unterstützt wird, und dann die Bassline aus vier Tönen wie den vier Silben von „A Love Supreme“.
Musik: A Love Supreme – Acknowlodgement – John Coltrane
In dem Booklet schrieb Coltrane, dass diese Musik „All Praise to God“ sei und schrieb darin auch ein längeres Gedicht, dass mit den Worten beginnt:
I will do all I can to be worthy of Thee Oh Lord
It all has to do with it.
Thank you God.
Peace.
There is no other.
Musik: A Love Supreme – Acknowlodgement – John Coltrane
John Coltrane hat auch nach diesem großem Erfolg spirituelle Musik veröffentlicht, die allerdings kaum mehr verstanden wurde. Zu frei, zu wild, zu wenig Struktur wie auf seinen „Meditations“, denen kaum noch jemand folgen mochte.
Musik: The Father and the Son – John Coltrane
Auch wenn dieses Stück „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ heißt, ist es wichtig, dass sich die Spiritualität John Coltranes keiner Konfession, ja im Grunde keiner bestimmten Religion mehr zuordnen lässt. Er befasste sich viel mit indischer Religion und erklärte mehrfach, er glaube an alle Religionen. Dies scheint ein Charakteristikum des modernen Jazz zu sein, wenn er spirituelle Intentionen hat. Ein Beispiel aus unseren Tagen ist die aus Aserbaidschan stammende Pianistin und Sängerin Aziza Mustafa Zadeh, die von sich sagt: „Meine Mutter ist Christin, mein Vater war Moslem. Ich bin gläubig, ohne einer Religion anzugehören, ich habe Respekt vor jeder Religion.“ Sie nimmt Elemente verschiedener Religionen auf wie sie auch musikalisch auf mehrere Traditionen, auf Klassik, Jazz und Mugam, der Musik ihrer orientalischen Heimat Aserbaidschan zurückgreift.
Musik: A.J.D. – Aziza Mustafah Zadeh
Es sind nicht immer Texte, sondern oft nur Laute im Scat-Gesang, die Aziza Mustafa Zadeh singt. Das hat einen tiefen Grund: Im Laut selber, im Ton, im Klang wird Gott oder das Göttliche gesucht. John Coltrane hat einmal gesagt, der Klang der Musik sei der erste Ausdruck der Schöpfung. In diesem Punkt trifft er sich mit einem Musiker, der nicht nach dem Klang der Schöpfung sucht, aber nach dem, was alle Menschen verbindet. Und er sucht nicht mit einem Saxophon, sondern mit der menschlichen Stimme. Es ist Bobby Mc Ferrin.
Musik: Circle Songs 1 – Bobby Mc Ferrin
Bobby Mc Ferrin sagte letztes Jahr: „Ich sage immer, dass Gott und meine Familie an erster Stelle stehen, dann kommen Humanität und Menschenrechte, dann erst kommt Musik. Aber die Wahrheit ist auch, dass Musik meine Art ist, zu beten und zu lieben. Es hängt alles miteinander zusammen.“ Als Bobby Mc Ferrin seine Frau mit den Kindern spielen sah, erkannte er darin ein Sinnbild für Gottes Liebe zu den Menschen. Und sang den Psalm 23 – Der Herr ist mein Hirte – mit „She“ – Gott als Frau.
Musik: Psalm 23 – Bobby Mc Ferrin
Spirituals gehören zu den Wurzeln des Jazz, es gibt religiöse Jazzmusiker, es gibt spirituelle, religiöse Jazzmusik und Musiker, deren Suche nach dem Klang ihr Weg der Gottsuche ist, auch wenn sich diese Suche keiner bestimmten Religion zuordnen will. Gibt es auch Jazzmusik für die Kirche, für den Gottesdienst? 1994 war ein wichtiges Jahr für den Jazz in der Kirche, und das lag an einem bestimmten Album.
Musik: O salutaris hostia – Officium – Jan Gabarek
Der Saxophonist Jan Gabarek mit dem Hillard Ensemble. Gregorianische Gesänge, vom Hillard Ensemble perfekt gesungen und dazu die Improvisationen des großen Saxophonosten Jan Gabarek. Die CD „Offizium“ war ein großer Erfolg. Auch live, und das meistens in Kirchen. Jan Gabarek sagte 2009 in einem Interview mit der Zeit: „Wir haben auch schon andere Orte ausprobiert, Konzertsäle, sogar mal ein Zelt mit Soundanlage. Aber das funktioniert nicht. Die richtige Magie entsteht erst, wenn diese Atmosphäre da ist, dieser große Raum, in dem sich die Klänge mischen.“ Alte, traditionelle Kirchenmusik mit Jazz zu verknüpfen wie Jan Gabarek es mit der Gregorianik getan hatte, das versuchten jetzt auch andere, auch mit der Musik von Johann Sebastian Bach.
Musik: Partita No II Courante – Bach Meets Jazz – Thomas Gabriel
Thomas Gabriel und „Bach Meets Jazz“. Ein dritter Versuch, Jazz in den Kirchenraum zu holen, ist, Jazz-Messen zu schreiben wie die klassischen Messen mit Kyrie, Gloria, Sanctus und so weiter.
Musik Kyrie – A Little Jazz Mass – Bob Chilcott
„A littel Jazz-Mass“ von Bob Chilcott ist einer der erfolgreichsten Versuche. Auch deutsche Kirchenmusiker haben Jazz-Messen geschrieben. Hier das Gloria aus der „Missa in Jazz“ von Peter Schindler.
Musik: Gloria – Peter Schindler
Sicher können Jazz-Messen die Liturgie bereichern. Dennoch denke ich, dass dabei etwas von der Kraft des Jazz verloren geht. Die Improvisation ist doch das, was den Jazz so einzigartig macht, die Fähigkeit, im Moment des Entstehens der Musik zuentscheiden, welche Noten gespielt werden.
Der Saxophonist Sonny Rollins findet gerade in der Improvisation Spiritualität: „Manchmal, wenn ich mitten in einem wirklich guten Konzert bin, schaltet mein Geist ganz von selbst auf Autopilot um, und ich erlebe, dass ich einfach dort steh, während der Geist des Jazz meinen Körper erfüllt. Ein tiefes spirituelles Erlebnis.“ An diesem spirituellen Erlebnis lassen uns Jazz-Musiker teilhaben.
Musik: I feel a Song coming in – Sonny Rollins

Matthias Matussek: Die Apokalypse nach Richard – eine Weihnachtsgeschichte


Der Mann hat sein Image weg, und dafür hat er auch einiges getan. Ist durch Talkshows gepoltert, hat auf „Reformkatholiken“ geschimpft und den Papst verteidigt. Sein Buch „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation“ hat vor allem seinem Titel Recht gegeben und provoziert. Aber Matthias Matussek verdanken wir auch den Spiegel-Titel „Der Unsterbliche“ – kurz vor dem Tod Johannes Paul II erschienen. Was ihn an Johannes Paul II so beeindruckt hat, war auch, dass der sich nicht auf lange Diskussionen eingelassen hat, sondern erst einmal forderte: Hinknien. Rosenkranz beten. Dann reden wir weiter.
Ich habe Matthias Matussek bislang drei Mal interviewt und dabei nie über Reformen und Kirchensteuer diskutiert. Mich hat es mehr interessiert, was ihn tiefer bewegt, und so habe ich nicht den polternden Diskutanten erlebt, sondern einen gläubigen Mann, der in der Bibel liest, betet, sonntags als Lektor in der Kirche steht. Gute Gespräche, gute Interviews waren das.
Diesen nachdenklichen Matthias Matussek kann jetzt jeder kennenlernen, der das neueste Buch von Matthias Matussek liest: Die Apokalypse nach Richard. Sein erster Roman, deutlich autobiografisch gefärbt und – ein frommes Buch. Er habe gar nichts dagegen, wenn man von Erbauungsliteratur rede, sagte er mir. Das Buch liest sich leicht und angenehm, hat lediglich einige Spratzer vom Polter-Matussek abbekommen, und hat mich auch zu der Frage geführt: Glaube ich tatsächlich daran, dass diese Welt vorübergeht und wir auf die Wiederkunft des Herrn warten? Glaube ich an Wunder? Ich bekomme viel geschenkt, wenn ich mit Menschen spreche, die einfach glauben, deren Glauben erwachsen ist und sich doch etwas Kindliches bewahrt hat. Menschen wie Richard.

Den Tod begreifbar machen – die Totenmaskenbildnerin

Totenmasken kennen wir eigentlich nur noch aus Geschichtsbüchern, von Goethe oder Cäsar. Das buchstäblich letzte Gesicht sollte erhalten bleiben. Im 20. Jahrhundert ist diese Tradition fast gänzlich ausgestorben. Bis heute. Jetzt bietet die Langenhornerin Dr. Claudia Guderian an, Totenmasken herzustellen. Sie will damit den Tod begreifbar machen: „Das ist natürlich das Zentrale, dass man über das Gesicht streichen kann und das Unbegreifbare eben doch wenigstens mit den Händen begreifen kann. Und immer wieder Abschied nehmen kann, denn das Verabschieden dauert doch lange Jahre.“
Zunächst ist die Herstellung einer Totenmaske ein ganz handwerklicher Akt. Je eher Frau Guderian nach dem Tod gerufen wird, desto besser kann sie arbeiten. Das Gesicht wird mit einer Spezialmasse abgeformt. Wenn die getrocknet ist, hat man eine Negativschale, die noch bearbeitet werden muss, falls sich zum Beispiel Luftblasen gebildet haben. Dann wird eine neue Masse hineingegossen, und wenn die gehärtet ist, wird die Außenhülle zerschlagen. Dann ist die Gipsmaske fertig, und die muss noch einmal gehärtet werden, weil Gips einfach zu weich ist.
Die Masken sehen wirklich lebensecht aus, beziehungsweise todesecht, und genau das störte und verstörte auch Besucher, die die Totenmasken von Claudia Guderian auf einem Stand auf dem Ohlsdorfer Friedhof gesehen haben. Aber alle haben drüber gesprochen und sich gefragt, ob eine Totenmaske für sie in Frage käme und wie sie in Erinnerung behalten werden wollen. Und damit hat Claudia Guderian ja schon ein Ziel erreicht, nämlich dass der Tod, das eigene Sterben, weniger verdrängt wird. Ihr selbst ging das nicht anders: „Seit ich mich mehr mit Toten befasse, merke ich, was wir da alles aussperren. Und es ist eine große Erleichterung, dass man diese Sache ernsthaft in sich aufnimmt. Es ruft einem ins Gedächtnis, dass man selber auch einmal da liegen wird. Und man fragt dann sich viel öfter: Wie willst Du die Zeit bis dahin verbringen?“ Und so hilft die Beschäftigung mit dem Tod, besser zu leben.
Die Totenmasken kosten je nach Ausführung ab € 600,- und bis zu mehreren tausend Euro bei den glänzenden Bronzemasken.
Kontakt: Claudia Guderian, info@claudia-guderian.de, 040/5324681

Totenkult in Mexiko

Allerheiligen und Allerseelen, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag – der November ist der Monat des Totengedenkens. Das Gedenken gerade an Allerheiligen und Allerseelen ist in Mexiko ganz anders als bei uns. Das zeigt eine Ausstellung im Bestattungszentrum des Friedhofs Ohlsdorf in Hamburg. So wird für die Toten gekocht, die Friedhöfe mit Blumen geschmückt und Zuckertotenschädel verzehrt. Dr. Hedda Scherr erläutert Ausstellungsstücke. Sehen Sie hier Fotos und einen Videoclip.

Im Alltag beten – wie Teresa von Avila und: Babys

Ein Baby hat keinen Begriff von Religion, es kennt keine Gebete, nichts. Aber ein Baby kann in seiner Beziehung zu Gott doch Vorbild für uns alle sein. Wenigstens, wenn ich einen Gedanken der Heiligen Teresa von Avila ernst nehme. Im 16. Jahrhundert lebte sie als Ordensschwester, als Karmelitin. Ihr Gedanke hat zunächst einmal nichts mit Babys zu tun. Die Heilige sagt: Christus ist auch zwischen Kochtöpfen. Wie kam sie zu solch einer Aussage?

Sie beobachtete an Jesus, dessen Leben sie immer wieder meditierte, wie er sich Gott zuwendet, ihn „Abba“ nennt, liebender Vater. Jesus hat einen freundschaftlichen, liebevollen Umgang zu Gott  und ist zugleich ehrfürchtig im Umgang mit Gott. Und er war Gott und dem jeweils Nächsten zugewandt. Dieser Jesus von damals ist derselbe, zu dem wir beten – das war die erste große Entdeckung Teresas nach fast zwanzig Klosterjahren! Fortan versuchte sie in einer Freundschaft zu Jesus zu leben. Geistliches Leben wird nun für sie „wie ein Umgang mit einem Freund, mit dem wir oft und gern zusammenkommen, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“ 

Die zweite große Entdeckung der Heiligen Teresa von Avila: Wenn Jesus zugleich Gott und dem Nächsten zugewandt war, dann gibt es keine Trennung von Kontemplation und Aktion, von Gebet und Nächstenliebe. Das Leben mit Gott ist nicht auf Gebetszeiten in der Kirche beschränkt. „Christus ist auch zwischen den Kochtöpfen“, sagt sie. Geistliches Leben ist kein zeitlich begrenzbares Tun, sondern eher eine Einstellung und eine Lebensform. 

Noch heute beten die Ordensschwestern der Karmelitinnen sehr bewusst jeden Tag stundenlang in der Kapelle. Aber die Arbeit in der Küche sei auch Dasein in der Gegenwart Gottes. Nicht gering schätzen, alles mit  großer innerer Aufmerksamkeit tun, das sei der Kern  eines kontemplativen Lebens, eines Lebens, das sich der Gegenwart Gottes bewusst sein will. Sie sagte das, um deutlich zu  machen, dass das Leben ein immerwährendes Gebet sein kann, einfach dadurch, dass man sich in der Gegenwart Gottes weiß.

Und das können wir  alle auch, ohne täglich mehrere Stunden in der Kirche zu sitzen. Einfach das, was man tut, ganz tun. Ich muss Gott nicht suchen, weil er schon längst da ist, ich muss mich nur seiner Gegenwart öffnen. Und jetzt zeigen sie mir irgendwen, der so sehr im Augenblick lebt und aufgeht wie ein Baby. Nicht mit den Gedanken ganz woanders, nicht zwei drei Dinge gleichzeitig tun. Hier und jetzt sein. Nichts sonst. Das ist der Gipfel der Kontemplation, der Versenkung in Gottes Gegenwart. Und das können besonders gut Heilige – und Babys.

Um Entschuldigung bitten ist keine billige Sache

Tschuldigung, oder: sorry. Das ist ganz schnell gesagt. Und oft folgt ja auch ein: schon okay. Niemanden fällt es schwer, tschuldigung zu sagen. Und ich glaube, das liegt an einer Machtverschiebung. Ich habe irgend etwas Falsches gemacht, und mir nichts dir nichts in einer Sekunde kann ich das wegbügeln:  tschuldigung: wie billig.
Etwas schwerer fällt das Ganze schon in richtigem Deutsch: ich entschuldige mich. Da wird gleich deutlicher, dass ich hier wirklich etwas falsch gemacht, daneben gelegen, eben Schuld auf mich geladen habe. Aber richtig ernst ist die Situation noch immer nicht. Denn ich habe weiter das Heft in der Hand. Ich entschuldige mich. Und wenn das Opfer meiner Missetat dann immer noch sauer bleibt: Spielverderber.

Ich denke, die richtige Formulierung lautet: ich bitte um Entschuldigung. Wenn die Last einer Schuld auf mir liegt, kann ich die nämlich nicht alleine loswerden. Das Joch, das das Vieh bindet, ist deswegen auch ein altes Bild für Schuld. Mich belastet etwas, sagen wir doch auch.  Und genau so wenig wie der Ochse sein Joch selber abwerfen kann, werde ich die Schuld alleine los. Die muss mir jemand abnehmen. Darum zu bitten: Das fällt schwer.  Auf einmal gibt es nämlich die Gefahr, das jemand sagt: nein. Ich entschuldige nicht, dass du dies oder das gemacht hast. Ich kann dir das nicht verzeihen. Dann muss ich die Schuld weiter mit mir rumschleppen. Auf einmal wird diese Floskel also eine riskante Sache. Auf der anderen Seite: nur wenn ich das Risiko der Bitte um Entschuldigung eingehe, kann ich die Last los werden, sonst bleibe ich im Joch, muss ich die Schuld weiter mit mir rumtragen.

Um Entschuldigung bitten ist ein Risiko, aber ich mache die Erfahrung,  dass eine Bitte um Entschuldigung selten vergebens ist.  Ich fühle mich wirklich freier und leichter, wenn ich um Entschuldigung bitte und meine Frau oder ein Kollege oder Freund sagt: Okay. Ist schon wieder gut. Danke, dass du diese Last von meinen Schultern genommen hast.

Katholischen Christen ist die Bitte um Verzeihung aus dem Gottesdienst vertraut: Herr, erbarme dich. Jeden Sonntag. Drei mal beim Kyrie. Eine ernste Bitte, und doch im Vertrauen darauf gesprochen, dass Gott mir schon längst vergeben hat. Denn seine Liebe zu uns ist größer als unsere Schwachheit und Schuld. Ich wünsche mir etwas von dem Ernst und dem Vertrauen auch unter Menschen. Ich bitte dich um Entschuldigung, das heißt: ich weiß wirklich, dass ich Schuld auf mich geladen habe, und ich hoffe und vertraue darauf, dass du sie von mir nimmst.

Tschuldigung – das heißt fast gar nichts.

Lukas und die Radikalen oder: Auch ich kann in den Himmel kommen

Lukas sei Dank – auch ganz normale Menschen, vielleicht sogar etwas spießig,
können in den Himmel kommen. Der Evangelist Lukas hat nämlich durchaus etwas übrig für Menschen, die nicht gleich Feuer und Flamme sind, sich sofort begeistern lassen, sondern eher bedächtig, genau und ruhig reagieren. Das kann man schon im Vorwort zu seinem Evangelium erkennen: Er will „allem von Grund auf sorgfältig nachgehen, alles der Reihe nach aufschreiben.“
Lukas lobt bedächtige Menschen: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es doch sein, dass er das Fundament gelegt hat,
dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Oder: Wenn ein König gegen den anderen in den Krieg zieht,  setzt er sich nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegen stellen kann, der zwanzigtausend aufbieten kann?“ Gute, solide Planung wird von Lukas also geschätzt.
Genau so wie Geduld: Da hat ein Weinbergbesitzer einen Feigenbaum, der schon drei Jahre lang keine Früchte mehr getragen hat. Was tun? Lieber dem Baum noch ein Jahr Zeit geben, bevor er umgehauen wird. Und sogar das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder barmherzigen Vater bricht nicht mit dem Sohn, der zu Hause geblieben ist, mit dem bürgerlichen Sohn. Es stimmt, für den anderen, der sich das Erbe hat auszahlen lassen, alles verprasst hat und pleite nach Hause kommt – für den wird ein Fest gegeben. Darüber ist der biedere Sohn, der die ganze Zeit zu Hause mitgearbeitet hat, auch verärgert. Aber während des Festes geht der Vater zu ihm raus und sagt:  Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Komm, freu dich mit.

Der Evangelist Lukas schreibt seinen Bericht so um 80 oder 90 nach Christus, zu einer Zeit, als immer weniger Jesus noch persönlich gekannt haben. Dass es nicht so schnell geht mit dem Reich Gottes, dass Jesus nicht so bald wieder kommt,
das ist inzwischen klar. Es ist etwas Alltag eingekehrt. Und damit stellt sich dann die Frage: wie lebe ich denn den christlichen Glauben im Alltag? Alles stehen und liegen lassen und Christus nachfolgen, sich von den Ähren am Wegesrand ernähren und sein ganzes Geld weg schenken – das können tatsächlich nicht alle leben.
Die Situation der Leser, die Lukas im Blick hatte, war nicht so anders als die von uns heute.

Also: einfach alle radikalen Forderungen auf ein erträgliches Maß zusammen streichen? Das macht Lukas nicht. Zum Beispiel beim Thema Geld ist er sehr radikal.
Wehe euch, ihr Reichen! Das liest man sogar nur bei ihm. Der reiche Mann, neben dessen Tisch der arme Lazarus Hunger gelitten hat, ist auf ewig in der Hölle. Die Hungernden beschenkt Gott mit seinen Gaben, und die Reichen lässt er leer ausgehen. Hütet euch vor Habgier. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch auf Grund seines großen Vermögens im Überfluss lebt. Das alles und viel mehr dergleichen steht im Lukas-Evangelium. Aber das Evangelium bleibt irgendwie zwiespältig.

Denn neben diesen radikalen Worten gibt es auch viel pragmatischere Ansätze:
Zum Beispiel: Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat,
und wer zu essen hat, der tue es genau so. Und das soll man nicht nur bei Freunden und Verwandten tun: Ihr sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts für euch erhoffen könnt

Das lässt sich schon leben. Ist immer noch radikaler als der bloße Durchschnitt. Der gibt, so unterstellt Lukas, eben nur, wenn was für ihn dabei rausspringt. Die Erinnerung an die radikalen Anfänge und vor allem die Warnungen vor Reichtum,
an dem das Herz hängt, machen dabei deutlich, dass niemand die radikalen Forderungen runterrechnen darf, bis sie nicht mehr weh tun. Aber totale Armut wird doch ergänzt durch die Möglichkeit großherziger Wohltätigkeit. Nicht jeder kann heute so radikal leben wie die ersten Jünger oder wie eine Mutter Teresa. Aber jeder kann überlegen: wie viel Geld brauche ich wirklich für mich? Wie viel kann ich entbehren und spenden? Gebe ich den zweiten Mantel ab? Mit der Antwort, sagt Lukas, kann ich mir sogar Zeit nehmen und alles gut durchrechnen. Auch normal bürgerliche Menschen können in den Himmel kommen.

Lob des Alltags, der grauen Werktage

Auch diesen Montag soll man nicht vor dem Abend loben. Sagt man so, ich weiß. Ich will es aber genau anders herum machen. Ich will diesen Tag schon jetzt loben, ganz am Beginn. Dabei erwarte ich heute nichts besonderes, sondern so einen richtig grauen Alltagstag. Einen Tag, wie er in seiner Alltäglichkeit vielleicht Jesus vorschwebte, als er sagte, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. Für mich heißt das Aufstehen, mit der Familie frühstücken, arbeiten, die Kinder aus dem Kindergarten abholen, nach Hause kommen, mit den Kindern spielen, Abend essen, ein bisschen fernsehen und ab ins Bett. Und doch: dieser Tag wird viele gute Gelegenheiten bieten. Zum nett sein, zum Gut sein, für Freundlichkeit, Sanftmut, Liebe, Güte, Frieden, Langmut und Geduld, die Früchte des Heiligen Geistes, wie Paulus sie nennt. Die müssen nämlich nicht nur in herausragenden Situationen verwirklicht, sondern im Alltag gelebt werden.

Ich schaffe es aber viel weniger, geduldig und liebevoll und freundlich zu sein, wenn ich einen Tag missgelaunt und mürrisch angehe. Wenn ich aber ausgeschlafen bin und den Tag wach und positiv und offen angehe, wird er so werden, dass ich ihn auch am Abend loben kann

Das mag jetzt verdächtig nach einem billigen Psychotrick klingen oder nach dem Konzept des „Positiven Denkens“. Ziel diees positiven Denkens ist es, durch Autosuggestionen das Bewusstsein und Unterbewusstsein zu beeinflussen. Positives Denken geht davon aus, dass der Mensch programmierbar sei und es für alle Menschen die eine „richtige Programmierung“ gebe. Das führt dann schnell zu Ratgeberbüchern mit Klappentexten wie „Auch Sie können glücklich und erfolgreich sein, wenn sie nur die einfachen Regeln dieses Buches befolgen…“. Auch wenn der ein oder andere Trick hilfreich sein mag, gehe ich nicht von einer Programmierbarkeit des Menschen aus. Mein Morgenlob des Abends ist kein Trick.

Mein Grund für den Optimismus auch diesem Tag gegenüber geht tiefer. Ich glaube, dass dieser Tag ein Geschenk ist. Ein einmaliges Geschenk. Ein kleines Kind von Gottes Ewigkeit, wie es Karl Rahner so schön gesagt hat. Ich glaube, dass dieser Tag sehr viele Chancen bietet, etwas von der Güte Gottes zu erfahren und weiterzugeben. Ganz alltäglich. Vielleicht kann ich in der U-Bahn meinen Platz anbieten, vielleicht lässt eine Kollegin mich bei einem Kaffee an ihrem Leben teilhaben, ich kann das Lachen meiner Kinder genießen und ihnen Geborgenheit schenken und so weiter. Wirklich keine Aufsehen erregenden Dinge. Aber ich muss oft an Menschen in der Bibel denken wie den Zöllner, den Jesus wieder in die Mitte der Gesellschaft holt. Nachdem Jesus bei ihm gegessen hat, verspricht er, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und zu viel gefordertes vierfach zu erstatten. Das ist nicht gerade wenig, aber: Zachäus lässt nicht alles stehen und liegen und zieht mit Jesus weiter. Er bleibt auch nach der Begegnung mit Jesus Zöllner, lebt sein Leben weiter, nur besser. Und anderes verlangt Jesus auch nicht. Zachäus soll seinen Alltag gut leben. Genau wie ich und sie vielleicht auch. Ich bin kein politisch oder sonst wie wichtiger Mensch, ich bin kein Missionar in einem bitterarmen Land. Mein Platz als Christ ist der Alltag. Das heißt, dass ich mich hier beweisen muss, aber auch, dass ich im Alltag Gott erfahren kann.
Das kann ich mir morgens bewusst machen. Zum Beispiel so, wie es der Hamburger Erzbischof Werner Thissen empfiehlt. Beginne den Tag gleich nach dem Aufwachen mit einem bewussten Kreuzzeichen und dem Satz: „Du Herr zeigst uns den Weg zum Leben.“ Das tut er. Auch heute wieder. Und dass ist doch ein guter Grund, den Tag vor dem Abend zu loben.