Alt und lebenssatt – Über gutes Sterben

Vor der Geburt kannten wir alle nichts anderes als den Leib der Mutter mit einigen Tönen und Geräuschen, die zu uns durchdrangen. Ein gutes Leben. Für  eine  bestimmte Zeit. Mit der Geburt kommen wir dann in eine Welt, die größer, vielfältiger ist.

Was ich sehr faszinierend finde: irgendwann spürt das Ungeborene, dass es mit diesem Lebensabschnitt vorbei ist. Es wird einfach zu eng, auch die Qualität der Nahrung nimmt ab.

Das Ungeborene ist reif für diese Welt. Diese Entwicklung setzt all die biologischen Dinge in Gang, die dann zu Wehen und zur Geburt führen. Es ist aber wichtig, dass das Kind mitmacht, sagen Ärzte und Hebammen, auch wenn sie keineswegs von einem durchdachten Willensakt sprechen.

So etwas gibt es auch  am Ende des Lebens. Nicht, wenn ein Unglück Menschen mitten aus dem Leben reißt, aber am Ende eines langen Lebens schon. Ärzte sagen oft, dass es wichtig ist, dass die Patienten  mitmachen, wirklich gesund werden wollen. Und stellen bei sehr kranken oder sehr alten Menschen oft einfach fest: der Lebenswille ist erloschen.

Das Ideal vom Ende unseres irdischen Lebens bezeichnet die Bibel mit: alt und lebenssatt. Im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis steht  das im 25. Kapital. Es geht um den Tod Abrahams. Wörtlich:  „Das ist die Zahl der Lebensjahre Abrahams: Hundertfünfundsiebzig Jahre wurde er alt, dann verschied er. Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint.“ 175 Jahre sind nun wirklich alt, aber interessanter ist doch das Wort lebenssatt. Das deutet ja schon an, dass es auch irgendwann genug sein kann. Der Theologe Gerhard von Rad hat das so beschrieben: „Es gibt“, so schreibt er, „ein innerliches Damit-zu-Ende-kommen, einen Zustand der Sättigung, einen Punkt, an dem das von Gott zugemessene ausgeschöpft ist. Dies ist dann der Augenblick der Todesreife.“ Dieses Leben ist ausgeschöpft, dass gilt für den Übergang vom Leben im Leib  der Mutter zum irdischen Leben und beim Übergang vom irdischen zum  ewigen Leben.

Was beide Prozesse eint: Es ist ein Übergang ins Ungewisse, der Durchgang ins neue Leben ist auch oft schmerzhaft. Und im Unterschied zum Ungeborenen wissen wir darum. Das macht vielen Angst. Angst vor den Schmerzen, die mit dem Sterben verbunden sein können. Angst davor, ausgeliefert zu sein.

Es ist sehr interessant, was Monika Renz dazu schreibt. Sie ist Theologin und Psychotherapeutin und leitet die Psychoonkologie in Sankt Gallen. Monika Renz hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben. Sterbende, die sie selber begleitet hat. Nach der  Angst vor der Apparatemedizin und der eigenen Machtlosigkeit als Patient gefragt, antwortet sie:  „Die wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute pflegerische Hände geben kann. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es schön, ein Fließen, ein Friede.“ Und die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht direkt Geburt und Todesnähe und sagt: Irgendwann muss man hindurch. Seelisch und körperlich. Das macht den Menschen in einer Weise glücklich, die ich im Leben nicht kenne.

Etwas von diesem Glück sieht man auch auf den Fotos, die Walter Scheels von Menschen gemacht hat, und zwar kurze Zeit vor Tod und dann unmittelbar nach dem Tod. Es waren alles unheilbar kranke Menschen, die also wussten, dass sie bald sterben. Was bei Betrachten der Portraits sofort auffällt: Nach dem Tod ist jegliche Anstrengung aus den Gesichtern verschwunden. Die Portraits der Toten sehen sehr friedlich und würdevoll aus. Ruhe in Frieden – dieser Wunsch scheint erfüllt.

Spüren, wenn der Schritt ins nächste Leben ansteht, sich vorbereiten, bereit sein und dann loslassen können. Weil es genug ist. Das gilt für beide Übergänge: vom Leben im Leib der Mutter zum irdischen und vom irdischen zum ewigen Leben bei Gott. Und wie man nach der Geburt nicht allein ist, sondern weiter geborgen, darf man als Christ darauf hoffen, dass auch der Schritt raus aus diesem irdischen Leben kein Schritt ins Nichts ist, sondern einer hinein in die Liebe und Geborgenheit bei Gott.

Foto: IchSelbst / Pixelio.de

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Geburt und Tod – 2 Übergänge in ein neues Leben

Ich bin Vater zweier Söhne. Und wenn ich an die Geburten zurück denke, frage ich mich oft, was jeweils der Kleine wohl gedacht und gefühlt haben mag bei der Geburt. Er kam aus dem warmen, dunklen, eng gewordenen Bauch seiner Mutter heraus und hat das Licht der Welt erblickt, wie man so sagt. Das hat er vorher ja schon wahrgenommen. Ein ungeborener Mensch ist lange vor der Geburt fähig, hell und dunkel zu unterscheiden. Er hört auch schon. Die Stimmen seiner Mutter, die von mir und seinem Bruder, die erkannte er wahrscheinlich gleich nach der Geburt. Es ist wunderbar, wie ein Mensch sich schon vor der Geburt entwickelt, wie er lernt, wächst und sogar mit seiner Nabelschnur spielt, aber dennoch: mit der Geburt kommt er in eine völlig neue Welt, die viel größer, bunter, vielfältiger ist als seine Welt im Leib der Mutter, direkt nach der Geburt wirkt diese neue Welt wohl auch gefährlicher, kälter und erschreckender. Ein neuer Mensch verlässt die einzige Welt, die er bis dahin kennt.

Es ist nicht original meine Idee, aber ich kann das so gut nachfühlen: Die Geburt in diese Welt hinein ist das Bild für den Übergang vom irdischen ins ewige Leben bei Gott. Der Apostel Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther im 13. Kapitel: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“

Kann ein ungeborenes Kind die Welt  außerhalb des Mutterleibes beschreiben?  Nein. Genau so wenig können wir beschreiben, wie denn wohl das ewige Leben, wie wohl ein Leben im Angesicht Gottes sein wird. Aber kann ich jetzt schon etwas davon erahnen, erkenne ich wenigstens Umrisse, wie Paulus schreibt?

Theologisch ist das recht  einfach mit einem klaren Ja zu beantworten. Denn das Reich Gottes ist noch zwar winzig klein, aber schon da. Jesus selbst hat das im Gleichnis vom Senfkorn erzählt. Es steht im Evangelium nach Markus im 4. Kapitel: Jesus sagt da: „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.“ So also ist es mit dem Reich Gottes. Jetzt schon da, wenn auch nur sehr anfanghaft. Und immer dort spürbar, wo Menschen mit offenem Herzen beten, und vor allem, wo sie lieben. Jesus nennt ganz handfeste Beispiele: Wo Menschen Gefangene besuchen, Kranke pflegen und Trauernde trösten, wo sie Hungrigen zu essen und Durstigen zu trinken geben, wo sie einander vergeben und umkehren, da geschieht Reich Gottes.

Wer so lebt, kommt nach dem Tod in ein größeres Leben bei Gott. Aber nicht in etwas, was mit dem Leben hier auf Erden nichts zu tun hätte. Im großen Baum steckt  ja noch das Samenkorn, das Ungeborene hat ja schon Kontakt zu unserer Welt. Wer hier auf Erden auf das Wort Gottes hört, wird Gottes Stimme im ewigen Leben wieder erkennen wie ein Baby nach der Geburt die Stimme mindestens der Mutter.

Wir kennen Gott nicht, aber wir dürfen hoffen, dass wir ihn doch wieder erkennen, dass uns sein Wort vertraut ist. Mich hat sehr beeindruckt,  wie Helmut Siepenkort das gesagt hat, bei seiner letzten Predigt als katholischer Propst von Lübeck. Er war schwer krebskrank, jeder in der Kirche wusste, dass er bald sterben wird. Es waren nur noch wenige Wochen vor seinem Tod. Er habe immer versucht, auf Gottes Wort zu hören, sagt er am Schluss der Predigt, und deshalb sei seine große Hoffnung: Wenn Gott nach seinem Tod vor ihm stehe und zu ihm spreche, – dass er dann sagen könne: Ach, du bist es.

Foto: Christian v.R. / Pixelio.de