Den Tod begreifbar machen – die Totenmaskenbildnerin

Totenmasken kennen wir eigentlich nur noch aus Geschichtsbüchern, von Goethe oder Cäsar. Das buchstäblich letzte Gesicht sollte erhalten bleiben. Im 20. Jahrhundert ist diese Tradition fast gänzlich ausgestorben. Bis heute. Jetzt bietet die Langenhornerin Dr. Claudia Guderian an, Totenmasken herzustellen. Sie will damit den Tod begreifbar machen: „Das ist natürlich das Zentrale, dass man über das Gesicht streichen kann und das Unbegreifbare eben doch wenigstens mit den Händen begreifen kann. Und immer wieder Abschied nehmen kann, denn das Verabschieden dauert doch lange Jahre.“
Zunächst ist die Herstellung einer Totenmaske ein ganz handwerklicher Akt. Je eher Frau Guderian nach dem Tod gerufen wird, desto besser kann sie arbeiten. Das Gesicht wird mit einer Spezialmasse abgeformt. Wenn die getrocknet ist, hat man eine Negativschale, die noch bearbeitet werden muss, falls sich zum Beispiel Luftblasen gebildet haben. Dann wird eine neue Masse hineingegossen, und wenn die gehärtet ist, wird die Außenhülle zerschlagen. Dann ist die Gipsmaske fertig, und die muss noch einmal gehärtet werden, weil Gips einfach zu weich ist.
Die Masken sehen wirklich lebensecht aus, beziehungsweise todesecht, und genau das störte und verstörte auch Besucher, die die Totenmasken von Claudia Guderian auf einem Stand auf dem Ohlsdorfer Friedhof gesehen haben. Aber alle haben drüber gesprochen und sich gefragt, ob eine Totenmaske für sie in Frage käme und wie sie in Erinnerung behalten werden wollen. Und damit hat Claudia Guderian ja schon ein Ziel erreicht, nämlich dass der Tod, das eigene Sterben, weniger verdrängt wird. Ihr selbst ging das nicht anders: „Seit ich mich mehr mit Toten befasse, merke ich, was wir da alles aussperren. Und es ist eine große Erleichterung, dass man diese Sache ernsthaft in sich aufnimmt. Es ruft einem ins Gedächtnis, dass man selber auch einmal da liegen wird. Und man fragt dann sich viel öfter: Wie willst Du die Zeit bis dahin verbringen?“ Und so hilft die Beschäftigung mit dem Tod, besser zu leben.
Die Totenmasken kosten je nach Ausführung ab € 600,- und bis zu mehreren tausend Euro bei den glänzenden Bronzemasken.
Kontakt: Claudia Guderian, info@claudia-guderian.de, 040/5324681

Alt und lebenssatt – Über gutes Sterben

Vor der Geburt kannten wir alle nichts anderes als den Leib der Mutter mit einigen Tönen und Geräuschen, die zu uns durchdrangen. Ein gutes Leben. Für  eine  bestimmte Zeit. Mit der Geburt kommen wir dann in eine Welt, die größer, vielfältiger ist.

Was ich sehr faszinierend finde: irgendwann spürt das Ungeborene, dass es mit diesem Lebensabschnitt vorbei ist. Es wird einfach zu eng, auch die Qualität der Nahrung nimmt ab.

Das Ungeborene ist reif für diese Welt. Diese Entwicklung setzt all die biologischen Dinge in Gang, die dann zu Wehen und zur Geburt führen. Es ist aber wichtig, dass das Kind mitmacht, sagen Ärzte und Hebammen, auch wenn sie keineswegs von einem durchdachten Willensakt sprechen.

So etwas gibt es auch  am Ende des Lebens. Nicht, wenn ein Unglück Menschen mitten aus dem Leben reißt, aber am Ende eines langen Lebens schon. Ärzte sagen oft, dass es wichtig ist, dass die Patienten  mitmachen, wirklich gesund werden wollen. Und stellen bei sehr kranken oder sehr alten Menschen oft einfach fest: der Lebenswille ist erloschen.

Das Ideal vom Ende unseres irdischen Lebens bezeichnet die Bibel mit: alt und lebenssatt. Im ersten Buch der Bibel, im Buch Genesis steht  das im 25. Kapital. Es geht um den Tod Abrahams. Wörtlich:  „Das ist die Zahl der Lebensjahre Abrahams: Hundertfünfundsiebzig Jahre wurde er alt, dann verschied er. Er starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint.“ 175 Jahre sind nun wirklich alt, aber interessanter ist doch das Wort lebenssatt. Das deutet ja schon an, dass es auch irgendwann genug sein kann. Der Theologe Gerhard von Rad hat das so beschrieben: „Es gibt“, so schreibt er, „ein innerliches Damit-zu-Ende-kommen, einen Zustand der Sättigung, einen Punkt, an dem das von Gott zugemessene ausgeschöpft ist. Dies ist dann der Augenblick der Todesreife.“ Dieses Leben ist ausgeschöpft, dass gilt für den Übergang vom Leben im Leib  der Mutter zum irdischen Leben und beim Übergang vom irdischen zum  ewigen Leben.

Was beide Prozesse eint: Es ist ein Übergang ins Ungewisse, der Durchgang ins neue Leben ist auch oft schmerzhaft. Und im Unterschied zum Ungeborenen wissen wir darum. Das macht vielen Angst. Angst vor den Schmerzen, die mit dem Sterben verbunden sein können. Angst davor, ausgeliefert zu sein.

Es ist sehr interessant, was Monika Renz dazu schreibt. Sie ist Theologin und Psychotherapeutin und leitet die Psychoonkologie in Sankt Gallen. Monika Renz hat die Zeugnisse von Sterbenden aufgeschrieben. Sterbende, die sie selber begleitet hat. Nach der  Angst vor der Apparatemedizin und der eigenen Machtlosigkeit als Patient gefragt, antwortet sie:  „Die wenigsten Menschen wissen, dass Ohnmacht nur so lange schlimm ist, bis ich loslassen und mich in gute pflegerische Hände geben kann. Es gibt eine innere Schwelle, danach ist es schön, ein Fließen, ein Friede.“ Und die erfahrene Sterbebegleiterin vergleicht direkt Geburt und Todesnähe und sagt: Irgendwann muss man hindurch. Seelisch und körperlich. Das macht den Menschen in einer Weise glücklich, die ich im Leben nicht kenne.

Etwas von diesem Glück sieht man auch auf den Fotos, die Walter Scheels von Menschen gemacht hat, und zwar kurze Zeit vor Tod und dann unmittelbar nach dem Tod. Es waren alles unheilbar kranke Menschen, die also wussten, dass sie bald sterben. Was bei Betrachten der Portraits sofort auffällt: Nach dem Tod ist jegliche Anstrengung aus den Gesichtern verschwunden. Die Portraits der Toten sehen sehr friedlich und würdevoll aus. Ruhe in Frieden – dieser Wunsch scheint erfüllt.

Spüren, wenn der Schritt ins nächste Leben ansteht, sich vorbereiten, bereit sein und dann loslassen können. Weil es genug ist. Das gilt für beide Übergänge: vom Leben im Leib der Mutter zum irdischen und vom irdischen zum ewigen Leben bei Gott. Und wie man nach der Geburt nicht allein ist, sondern weiter geborgen, darf man als Christ darauf hoffen, dass auch der Schritt raus aus diesem irdischen Leben kein Schritt ins Nichts ist, sondern einer hinein in die Liebe und Geborgenheit bei Gott.

Foto: IchSelbst / Pixelio.de